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Abszesse


Abszesse beim Kaninchen – ein hartnäckiges Erkrankungsbild

Kaninchen, die unter Abszessen leiden, sind der Alptraum jedes Kaninchenhalters. Denn Abszesse sind nicht nur für das betroffene Tier meist hoch schmerzhaft, sondern auch sehr infektiös und häufig wiederkehrend – besonders bei nicht adäquat erfolgter Behandlung.

Was ist ein Abszess?
Ein Abszess ist ein vom Körper gebildeter Hohlraum, der mit Eiter gefüllt und von seiner Größe her nicht begrenzt ist – er kann nur fingernagelgroß oder auch handtellergroß sein. Abszesse zeigen sich nach außen fast immer als Umfangsvermehrung im Gewebe – es sei denn, sie sitzen so tief im Körper, dass sie von außen nicht sichtbar sind (z. B. Lungenabszess). Doch häufig kommt es zur Entstehung von Hautabszessen, da die Haut als erstes Abwehrorgan des Körpers den meisten Kontakt mit Krankheitserregern aufweist.

Der Bildung eines Abszesses geht immer eine Entzündung voraus und der Versuch des Körpers, diese durch die Bildung von Immunzellen zu bekämpfen. Der Eiter im Abszess besteht vorwiegend aus abgestorbenen Abwehrzellen und Bakterien. Abszesse können sich überall am und im Körper bilden, bei Kaninchen herrschen jedoch aufgrund ihrer Physiologie bestimmte Formen, wie beispielsweise Kieferabszesse und retrobulbäre Abszesse (hinter dem Augapfel gelegen) vor.

Wie entstehen Kieferabszesse beim Kaninchen?
Abszesse im Kiefer von Kaninchen werden fast immer durch Zahnerkrankungen verursacht.
Kaninchen mit sehr kleinem, kurzem Kopf (z. B. Farbenzwerge) haben eine Prädisposition (eine Neigung) für die Entwicklung von Zahnfehlstellungen, fehlerhaftem Zahnwachstum in die Tiefe und die Entstehung von Kieferabszessen. Aber auch Kaninchen größerer Rassen und „Mischlinge“ können betroffen sein.

Vor allem durch Fehlstellungen der Zähne können beim Kauvorgang unphysiologische Druckverhältnisse auf den betroffenen Zahn oder mehrere Zähne entstehen. Durch diesen zu hohen Druck kommt es zu vermehrtem Zahnwachstum in die Tiefe (apikal) des Kiefers (retrogrades Zahnwachstum). Durch eine häufig gleichzeitig stattfindende Lockerung der Zahnalveole können leicht Krankheitserreger eindringen und so Abszesse verursachen.

Wie wird ein Kieferabszess diagnostiziert?
Ein Kieferabszess am Unterkiefer kann häufig schnell ertastet oder sogar gesehen werden. Der Kieferknochen ist meist aufgetrieben und der Abszess beim Abtasten scheinbar mit diesem verbunden. Dennoch ist bei Kieferabszessen und bestehenden Zahnfehlstellungen allgemein ein Röntgen des Schädels in mehreren Ebenen unabdingbar. Nur so kann die Ausdehnung des u. U. sichtbaren Abszesses festgestellt werden – außerdem, ob es versteckte Abszesse (z. B. im Bereich des Oberkiefers oder der Orbita (= knöcherne Augenhöhle) gibt, inwieweit der Kieferknochen schon geschädigt wurde und in welchem Ausmaß retrogrades Zahnwachstum vorliegt. Häufig sind die Zähne, welche ursächlich für den entstehenden Abszess sind, ausschließlich im Röntgen zu erkennen.

Wie wird ein Kieferabszess behandelt?
Wie bei jedem Abszess muss für die erfolgreiche Behandlung der Kieferabszesse die Ursache gefunden und beseitigt werden. Da der Kieferknochen eine immens empfindliche und wichtige Struktur im Kaninchenkörper darstellt, bekommt die Ursachenbeseitigung bei einem vorliegenden Kieferabszess eine noch größere Bedeutung als z. B. bei reinen Haut- bzw. Weichteilabszessen.

Es ist bei Kieferabszessen absolut notwendig, dass die verursachenden Zähne gefunden und entfernt werden. Der Abszess muss selbstverständlich ebenfalls während der Operation so gut wie möglich beseitigt werden. Dabei wird die Abszesskapsel im Idealfall vollständig entfernt oder zerstört. Während der Operation wird die Abszesshöhle dann i. d. R. schon das erste Mal ausgiebig gespült, um eine Verringerung der Verkeimung zu erreichen.
Das entfernte Abszessmaterial sollte zur Keimbestimmung und zur Herstellung eines Antibiogramms in ein Labor geschickt werden, damit mit dem richtigen Antibiotikum der Neubildung von Eiter entgegen gewirkt werden kann.

Wie ist die weiterführende Behandlung durch den Besitzer zu bewerkstelligen?
Die nach der Operation noch vorhandene Abszesshöhle muss so gut wie möglich – im Idealfall 1 -2 Mal täglich – mit einer geeigneten Spüllösung gespült werden. Dies ist wichtig, da ein Zuwachsen der Wunde von innen nach außen erreicht werden muss. Eine Abszesswunde, die sich nach außen hin zu schnell verschließt, ist prädestiniert dafür, in der Tiefe wieder zu eitern zu beginnen. Zudem muss ein geeignetes Antibiotikum zum Einsatz kommen. Bis das Antibiogramm vorliegt, wird zumeist ein gut knochengängiges Breitbandantibiotikum wie Enrofloxacin (z. B. Baytril) verabreicht.

Manchmal – vor allem bei immer wieder rezidivierenden Abszessen – kommen Kaninchenhalter um die Verabreichung eines Penicillins nicht herum, um eine weitere Schädigung des Kieferknochens zu vermeiden.

Mögliche Komplikationen und Prognose
Wird der verursachende Zahn oder werden die verursachenden Zähne nicht erkannt, kommt es immer wieder zu Rezidiven (Rückfällen) und der Abszess tritt erneut auf. Entstehende Rezidive sind deshalb so gefährlich für das betroffene Kaninchen, da der dabei auftretende Eiter hoch infektiös und zudem zäh und schlecht abbaubar ist. Wird ein Abszess also nicht adäquat behandelt, verschlimmert er sich mit seinem erneuten Auftreten meist noch, dehnt sich aus und schädigt nachhaltig umliegende Strukturen. Der Kieferknochen des Kaninchens kann dann irgendwann so fragil werden, dass er im schlimmsten Falle bricht.
Meist in Folge von Kieferabszessen bzw. Zahnerkrankungen können Entzündungen bzw. Abszesse z. B. in die Orbitalhöhle durchbrechen und so retrobulbäre Abszesse verursachen. In Ausnahmefällen sind diese nicht augenerhaltend zu therapieren und nur durch die Entfernung des betroffenen Auges vollständig auszuheilen, da ein Herankommen an die Abszesshöhle manchmal nicht anders zu bewerkstelligen ist.

Zudem sind bei Kieferabszessen oft das Allgemeinbefinden und die Futteraufnahme durch Schmerzen gestört. Daher ist die Abdeckung mit einem geeigneten Schmerzmittel in der Behandlung sehr wichtig.

Andere Abszessformen
Abszessformen, die beim Kaninchen ebenfalls gehäuft auftreten können, sind jegliche Arten von Weichteilabszessen. Bissverletzungen oder das Eindringen von Fremdkörpern können Hautabszesse verursachen, die in der Regel aber gut behandelbar sind und auch kaum Rezidive bilden. Bei Hautabszessen im Kopfbereich sollte im Zweifelsfall (z. B. wenn der Abszess nicht klar abgrenzbar ist) dennoch ein Röntgenbild angefertigt werden, um Kontakt zum Kieferknochen oder anderen Strukturen auszuschließen.

Besonders Widderkaninchen sind häufig von eitrigen Prozessen im Mittelohr betroffen. Durch die schlechte Belüftung des Ohres können sich Keime hier leichter ansiedeln als bei Stehohrkaninchen. Abszesse können durch die Verstopfung des Gehörgangs auch auf dem Ohrgrund entstehen. Symptomatisch stellt man bei einem entzündeten Mittelohr häufig ein vermehrtes Schütteln der Ohren bzw. des ganzen Kopfes fest. Aber auch Kopfschiefhaltung und Gleichgewichtsstörungen können aus der Mittelohrentzündung resultieren. Auch in einem solchen Fall ist die Abklärung des Ausmaßes mithilfe eines Röntgenbildes oder besser eines CTs (Computertomographie) durch den Tierarzt sehr wichtig.

Zusammenfassung
Abszesse beim Kaninchen können sehr unterschiedliche Ursachen haben und daher auch unterschiedlicher Behandlung bedürfen. Eines haben sie jedoch gemein: Die Ursache muss gefunden und beseitigt werden, um Rückfälle und Verschlimmerungen des Krankheitsbildes zu verhindern. Bei kritischen Abszessen sollte zur Behandlung immer ein Antibiogramm erstellt werden, um das geeignete Antibiotikum zu ermitteln. Bei unkomplizierten Hautabszessen sollte zumindest ein Breitbandantibiotikum eingesetzt werden. Es sollte auch immer darauf geachtet werden, dass das Kaninchen in einem guten Allgemeinzustand bleibt und die Nahrungsaufnahme beobachtet wird. Bei Bedarf – besonders bei Kieferabszessen – muss gegebenenfalls zugefüttert werden.