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Entstehung von Blasengries und -schlamm (Harngries) beim Kaninchen


Kaninchen nehmen als Pflanzenfresser mit der Nahrung häufig auch einen recht hohen Anteil an Kalzium und Phosphor auf. In manchen Fällen kann das dazu führen, dass die Tiere unter Harngries (Blasenschlamm, Blasengries) leiden. Doch wie kommt es zur Entstehung von Harngries? Wie kann dieser Entwicklung durch eine optimierte Fütterung vorgebeugt werden?

Kaninchen besitzen eine besondere Eigenart in ihrem Stoffwechsel: Im Gegensatz zu anderen Säugetieren, die während der Verdauungspassage aus der Nahrung nur die exakt benötigte Kalziummenge aus dem Darmtrakt in den Blutkreislauf aufnehmen, gelangt beim Kaninchen die komplette Menge Kalzium aus der Fütterung auch in den Blutkreislauf. Dies hat zur Folge, dass auch die Gesamtkalziumkonzentration im Blut beim Kaninchen im Vergleich zu anderen Säugetieren stark erhöht ist. Neben der ernährungsbedingten Kalziumerhöhung führt zudem eine Überversorgung mit Vitamin D zu einem erhöhten Kalziumspiegel im Blut (Hyperkalzämie). Das zuviel aufgenommene und nicht benötigte Kalzium wird dann zum größten Teil über die Nieren und mit dem Urin wieder ausgeschieden.

Eine erhöhte Kalziumausscheidung beim Kaninchen ist durch diese Besonderheit in ihrem Stoffwechsel und der komplett nahrungsabhängigen Ursache zunächst eine völlig normale Reaktion: Nehmen die Kaninchen mit der Nahrung einen Kalziumüberschuss auf, wird die nicht benötigte („überschüssige“) Menge zeitabhängig in den Stunden nach der Nahrungsaufnahme mit dem Urin ausgeschieden. Erkennbar ist der Kalziumüberschuss vor allem an einer stark getrübten Färbung bis hin zu einer grieshaltigen Konsistenz des Kaninchenurins, die von Besitzern als "Blasenschlamm" oder "Blasengries" beschrieben wird. Nach einer stark kalziumhaltigen Fütterung ist die Ausscheidung von erkennbarem „Blasenschlamm“ eine vollkommen gesunde Reaktion des Kaninchens und keinesfalls bereits zwangsläufig krankhaft.

Viele Besitzer sind bereits in großer Sorge, wenn sie diese Reaktion bei ihrem Kaninchen das erste Mal beobachten. Solange solch schlammhaltiger Urin im Zusammenhang nach einer kalziumreichen Fütterung und ohne weitere Symptome des Kaninchens auftritt, ist die Sorge meist noch völlig unbegründet. Wenn sich jedoch die Menge des trüben oder grieshaltigen Urins und auch dessen Beschaffenheit häufen, sollte die Fütterung des Tieres optimiert werden. Zeigt das Kaninchen dagegen deutliche Symptome von seltenem und angestrengtem Urinabsatz, Apathie, Fressunlust oder ähnliche Auffälligkeiten, muss dringend ein Tierarzt aufgesucht werden!

Wann wird Harngries zu einer krankhaften Veränderung?


Dass unsere Kaninchen zunehmend häufiger unter krankhaften Veränderungen von Blasengries und Blasenschlamm leiden, hängt vor allem mit ihrer veränderten Lebensweise gegenüber ihrer freien Artgenossen zusammen: Im Gegensatz zu den Wildkaninchen in der freien Natur bewegen sich unsere Hauskaninchen meist deutlich weniger (und leiden damit häufiger auch unter Übergewicht). Sie müssen ihre Nahrung kaum selbst suchen, sind idealerweise vor Feinden geschützt im gesicherten, abgegrenzten Gehege untergebracht und müssen auch keine Bauten anlegen. Ihr Gehege wird ihnen bezugsfertig aufgestellt, ihr Futter fertig zubereitet und serviert. Wird keine frische Wiese mit einem hohen Rohfaser- und Feuchtigkeitsgehalt sowie einer der Jahreszeit entsprechend abwechslungsreichen Auswahl gefüttert, nehmen die Tiere bei fertig zubereitetem Futter oft nicht genügend Feuchtigkeit mit der Nahrung auf.

So nehmen viele Kaninchen über den Tag verteilt zusätzlich größere Mengen an zwar rohfaserreichem, aber trockenem Heu auf. Viele Heusorten weisen zudem – genau wie getrocknete Kräuter und auch „Leckerchen“ – in der Zusammensetzung einen deutlich erhöhten Kalzium- und Oxalatgehalt auf. Zudem trinken viele Tiere zu wenig. Auch das bei Wildkaninchen häufige Markieren des Reviers mit einigen Tropfen Urin entfällt bei unseren Haustieren (und ist beim Besitzer auch nicht erwünscht) – damit entfällt aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit der Tiere, durch einen kontinuierlichen Urinabsatz überflüssiges Kalzium frühzeitig wieder auszuscheiden.

Kommen nun noch weitere Faktoren wie Langeweile, mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten und mangelnde Sozialkontakte, eine zu geringe Gehegegröße und eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten hinzu, entwickeln die Tiere häufig eine Urinabsatzstörung. Der Urinabsatz erfolgt deutlich seltener; zusätzlich kommt es durch eine - oft durch Übergewicht der Tiere ausgelöste - veränderte oder gekrümmte Haltung beim Urinabsatz häufig zu keiner vollständigen Blasenentleerung.

Die Folge dieser Lebensbedingungen ist, dass der Urin über einen längeren Zeitraum in der Kaninchenblase zurückbleibt. Harngriesbestandteile können sich damit auf dem Blasenboden anhäufen und werden nicht mehr vollständig ausgeschieden.

Zusammensetzung des Kaninchenurins und Entstehung von Harngries


Der Urin gesunder Kaninchen weist eine leicht gelbliche bis bräunliche Färbung und physiologisch, also als vollkommen gesundes Merkmal, eine leichte Trübung auf. Bedingt durch die fast ausschließliche Fütterung mit Pflanzen ist der pH-Wert der Kaninchen gegenüber anderen Säugetieren deutlich erhöht und liegt mit einem Wert von ca. 8 im alkalischen Bereich. In dieser Konzentration ist das über die Niere ausgeschiedene Kalzium im Urin zum größten Teil löslich vorhanden.

Führen eine überwiegend trockene Ernährung der Tiere und/oder eine unzureichende Aufnahme von Wasser zu einer nicht ausreichenden Verdünnung des Urins oder besteht durch die Zusammensetzung des Futters dauerhaft ein erhöhter Kalziumgehalt im Urin (Hyperkalzurie), kann es zur Ausfällung bzw. Kristallisation von Kalzium kommen. In der weiteren Folge können sich dadurch im Urin Kalziumoxalate, -karbonate und Magnesiumphosphate bilden. Der Urin der Tiere verfärbt sich milchig trüb bis hin zu auffälligen sand- oder zementartigen Beimengungen (= Harngries).

Harngries verursacht eine dauerhafte Reizung der Schleimhäute im Harntrakt („Schmirgelpapier-Effekt“). Kaninchen mit einer erhöhten Harngriesausscheidung bzw. erschwerten oder ungenügenden Urinausscheidung sind daher anfälliger für aufsteigende bakterielle Infektionen (v.a. Blasenentzündungen). Außerdem können sich in den ableitenden Harnwegen kleinere Steine und Konkremente (harte Ablagerungen) bilden, die starke Schmerzen verursachen oder sogar den Urinabfluss vollständig blockieren und im Extremfall bis zum Harnröhrenverschluss führen können (absoluter Notfall!).

Kaninchen zeigen bei Erkrankungen mit Urinabsatzstörungen häufig Symptome wie einen aufgekrümmten Rücken, Hockstellung, krampfartiges Pressen, Schmerzäußerungen (mit den Zähnen knirschen), sandartig verklebtes oder verfärbtes Fell im Genitalbereich bzw. den hinteren Extremitäten oder Einnässen. Der Urin kann sich in seiner Konsistenz immer mehr verändern: er wird deutlich eingetrübt bis hin zu massiven sand- oder zementartigen Bestandteilen. Zusätzlich kann der Geruch verändert sein.

Diagnostische Möglichkeiten durch den Tierarzt


Der Tierarzt kann zur Beurteilung der Harngriesproblematik verschiedene Laboruntersuchungen durchführen:

  • Urinuntersuchung per Teststreifen
  • Bestimmung des spezifischen Gewichts
  • Urinsediment
  • Erreger-Kultur zur Bestimmung bakterieller Infektionen

Über ein Röntgenbild oder Ultraschalluntersuchung der Blasenregion kann die Stärke der Harngriesproblematik beurteilt werden. Diese Untersuchungen sind zudem wichtig, um andere Ursachen und eine Verlegung der harnableitenden Wege auszuschließen.

Wie kann der Entstehung von Harngries vorgebeugt werden?


Der Harngriesproblematik kann in der Regel durch eine gesunde und artgerechte Fütterung sowie eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme mit Wasser und Frischfutter gut vorgebeugt werden. Bei betroffenen Kaninchen kann mit einer Fütterungsoptimierung ein Rückgang der Harngriessymptome erreicht werden – oft auch dauerhaft.

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Fütterungsoptimierung ist die Reduzierung zu kalziumreicher Futtermittel. Besitzer sollten vor allem auf das „dunkelgrüne“ Futter in größeren Mengen weitgehend verzichten.

Futterarten, die bei einer Blasengriesproblematik reduziert bzw. in zu großen Mengen möglichst vermieden werden sollten, sind zum Beispiel:

  • Basilikum, Dill, Melisse, Pfefferminze, Petersilie
  • Brennessel, Löwenzahn, Karottengrün
  • Brokkoli, Grünkohl, Spinat
  • luzernehaltige Produkte.

Wichtig: Vollständig kalziumfrei dürfen Kaninchen auf keinen Fall ernährt werden! Trotz einer notwendigen Reduzierung kalziumhaltiger Futtersorten benötigen die Tiere einen angemessenen Kalziumanteil in der Nahrung. Erhalten sie den nicht (kommt es also durch eine zu starke Reduzierung des Kalziumanteils im Futter zu einer Kalziumunterversorgung), führt dies im Körper zu einer Gegenregulation, indem aus Knochen und Zähnen verstärkt Kalzium ausgebaut und in den Blutkreislauf überführt wird. In der Folge führt damit auch eine ernährungsverursachte Kalziumunterversorgung zu einem Kalziumüberschuss im Blut und Urin.

Kleine Mengen der aufgezählten kalziumhaltigen Gemüse- und Kräuterarten sind daher erlaubt und für eine gesunde Kaninchenernährung wichtig!

Welche Futtersorten sind bei einer Harngriesproblematik geeignet?


Die ideale Ernährung bei einer Harngriesproblematik ist – wie auch ganz allgemein beim Kaninchen – ein abwechslungsreiches Angebot an frischer Wiese mit Gräsern und Kräutern. Wichtig ist auch bei der Wiesenfütterung ein möglichst hoher Gräseranteil, ergänzt durch ausgewählte Kräuter. Kräuter sollten immer bevorzugt im frischen Zustand gefüttert werden: viele Kräuterarten weisen in getrocknetem Zustand einen hohen Kalziumgehalt auf, so dass sie in der getrockneten Variante vermieden werden sollten. Ist eine reine Wiesenfütterung nicht möglich, können die Kaninchen vorrangig mit Salaten und Gemüsesorten ernährt werden, die einen hohen Wasseranteil aufweisen.

Geeignete Futtersorten mit einem relativ geringen Kalziumgehalt sind zum Beispiel:

  • Endiviensalat, Radiccio, Chicorée, Chinakohl
  • Kohlrabi, Möhren, Petersilienwurzel, Steckrübe
  • Johannisbeere, Himbeere, Brombeere, Apfel sowie
  • kräuterarmes und luzernereduziertes Heu.

Wie können die Kaninchen zusätzlich zu einer Futteroptimierung noch unterstützt werden?


Bei einer bestehenden Harngriesproblematik ist es äußerst wichtig, dass die Kaninchen ausreichend trinken. Nehmen die Kaninchen keine ausreichende Menge Flüssigkeit auf und/oder trinken sie nicht gerne, kann ihnen das Frischfutter im noch feuchten Zustand direkt nach dem Abspülen angeboten werden. Achtung: Vor allem in den Sommermonaten sollten Sie jedoch unbedingt darauf achten, dass das nasse Futter nicht zu gären beginnen kann (gefährliche Aufgasungen können die Folge sein)!

Das Trinkwasser der Tiere kann mit einigen Tropfen Apfel- oder Möhrensaft oder auch mit kühlen Kräutertees versetzt werden und auf diese Weise für die Tiere deutlich verlockender sein. In Regionen mit stark kalziumhaltigen Leitungswasser sollte Leitungswasser vor der Anwendung abgekocht oder gefiltert werden, um den Kalziumgehalt im Wasser zu reduzieren.

Vor allem zu Beginn der Symptome können den Tieren auch Kräuterteesorten (z.B. mit Brennnessel- oder Birkenblättern) angeboten werden – sie fördern die Ausscheidung und damit auch die Ausschwemmung von Harngries. Ganz wichtig ist, dass die Tiere durchgängig freien Zugang zu frischem Trinkwasser haben.

Zusätzlich sollten die Kaninchen zu einem häufigeren Urinabsatz animiert werden, indem ihnen z.B. verschiedene Toilettenplätze mit unterschiedlicher Streu eingerichtet werden. Wird die Streu täglich ausgewechselt, können die Tiere die frisch eingerichteten Plätze täglich neu erkunden - Kaninchen sind sehr neugierige Tiere, so dass sie ihre Kisten dann gerne nutzen (und manchmal auch gerne mit etwas Urin markieren) werden. Als Besitzer können Sie Ihre Tiere gezielt und häufig zu ihren Toilettenplätzen leiten, um den Urinabsatz und damit auch das Ausschwemmen von Harngries zu fördern.

Bei Kaninchen mit Übergewicht ist eine Optimierung der Fütterung notwendig – idealerweise mit einer Umstellung auf frische Wiesenfütterung. Gleichzeitig sollte unbedingt die Bewegungsfreude der Tiere erhöht werden. Neben einer Reduzierung des Gewichtes wirken sich diese Faktoren auch begünstigend auf eine Harngriesproblematik aus. Aber auch bei Tieren ohne Gewichtsprobleme ist eine möglichst häufige Bewegung eine der wichtigsten Maßnahmen für eine Vermeidung von Harngries und dessen Folgen.

Sammelt sich trotz all dieser Maßnahmen über einen längeren Zeitraum eine größere Menge Harngries in der Blase an und wird nicht ausreichend ausgeschwemmt, ist ein Tierarztbesuch absolut notwendig. Der Tierarzt kann durch eine differenzierte Diagnostik und Laboruntersuchung, unterstützt außerdem mit Ultraschall oder Röntgenbild, eine genaue Einschätzung und Behandlungsvorschläge geben. Durch gezielte Massagen der Blasenregion kann vom Tierarzt die Ausschwemmung der Harngriesbestandteile erreicht werden (wichtig: solche Massagen niemals alleine durchführen – es besteht bei Unkenntnis sowie durch die sandhaltigen Bestandteile eine hohe Verletzungsgefahr!). Frühzeitig mit der Behandlung begonnen, können entstehende Harngriesprobleme gut behandelt und reduziert werden.

Weitere Tipps zur Ernährung bei Harngrieserkrankungen finden Sie in unserer Ernährungsrubrik: Ernährung bei Harnerkrankungen

Wir wünschen gute Besserung!