Kaninchenschutz e.V.

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1. Dezember


Es ist der 21. Dezember – ein kalter, dunkler Winterabend. Die Luft ist kalt, es riecht nach Schnee, und die Straßen und Wege im Wald sind auch schon ganz weiß. In der Nacht wird es bestimmt richtig viel schneien und die Landschaft in eine weiße Schicht hüllen. Die Menschen bereiten sich auf Weihnachten vor: In den Fenstern sieht man schon überall Lichterketten und Leuchtsterne, Häuser und Gärten sind bereits mit Tanne geschmückt. In den Zimmern ist es warm und gemütlich.

Von dieser Gemütlichkeit ahnt das kleine Kaninchen nichts, das an diesem dunklen Abend des 21. Dezember draußen auf dem Weg am Waldrand sitzt. Das Kaninchen kennt keine Wärme und Gemütlichkeit. Bis vor ein paar Stunden war ein Schuppen sein Zuhause - zusammen mit vielen anderen, ganz vielen anderen Kaninchen hat es dort gelebt. Tageslicht und ausreichend Platz kennt es kaum. Fürsorge und Wärme durch Menschen kennt es nicht. Es ist in diesem Schuppen geboren, in diesem Sommer. Seine Mama kennt es nicht. Oder es hat sie vergessen. Da waren so viele Kaninchenmütter mit kleinen Welpen. Kümmern konnten sie sich alle nicht, sie hatten viel zu wenig Kraft dazu und viel zu viele Welpen.

Futter gab es kaum. Dunkel war es auch immer. Und überall waren Dreck, Schmutz, Abfall, verletzte und kranke Kaninchen. Das waren die ersten Lebenstage des kleinen Kaninchens. Aber irgendwie hat es die erste Zeit überlebt, und dann auch die nächsten Wochen. Und Monate. Es hatte zuerst mit 4 Geschwistern im Nest gelegen: kleine Kaninchen, die alle schutzlos waren, aber sich gegenseitig wärmen konnten. Damals war es nicht alleine. Seine Geschwister leben nicht mehr. Dreck und Schmutz und Hunger sind keine Bedingungen, in denen kleine Welpen aufwachsen können.

Das kleine Kaninchen am Wegrand aber hat überlebt. Erinnern aber möchte es sich an diese Zeit nicht. Es hat versucht, sie zu vergessen.

Das kleine Kaninchen versteht nicht, warum es nicht gemocht wird, nicht umsorgt und nicht mit Futter versorgt wird. Sein Instinkt sagt ihm, es kann frisches Futter suchen, Gräser, Wiese. Der Herbst hatte so würzig gerochen – draußen, vor dem Schuppen.

Aber es kam nie dorthin, nie raus. Manche der anderen kleinen Welpen kamen raus, immer am Wochenende. Die meisten waren noch klein; aber klein bedeutete in der Welt niedlich, und niedliche Kaninchen verkaufen sich gut. Die kleinen Welpen kamen nie zurück. Das Kaninchen weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Vielleicht leben sie jetzt nicht mehr im Dreck.

Das kleine Kaninchen kann sich nur erinnern, dass es immer Hunger hatte. Frische Wiese kennt es nicht. Es hat sie zwar gerochen, aber nie gesehen. Und richtig sehen könnte es sie jetzt auch gar nicht mehr – seine Augen sind entzündet und tränen immerzu. Sie tun ihm weh. Auch die Nase und die Pfoten tun ihm weh.

Es ist weit gelaufen heute. Seine Pfötchen sind an so viel Sand und Steine nicht gewöhnt. Sie bluten – aber das kümmert das kleine Kaninchen nicht.

Das kleine Kaninchen weiß nicht, was es will. Eigentlich will es leben. Frische Wiese fressen, die es im Herbst immer riechen konnte. Warme Sonne auf seinem Fellchen spüren, die es so nur ganz selten mal durch die offene Schuppentür hatte sehen können. Es möchte Wärme und es möchte Sicherheit. Kuscheln möchte es. Kuscheln konnte es im Schuppen nur sehr selten mit den anderen Kaninchen: Fast alle Kaninchen um ihn herum waren verletzt, viele hatten offene Wunden, verfilztes und juckendes Fell, verkrustete Ohren, schnupfende Näschen und tränende Augen. Das kleine Kaninchen wurde oft gejagt, manchmal wurde es auch gebissen. Es war sich sicher, die anderen Kaninchen wollten es gar nicht bewusst beißen, aber es waren einfach viel zu viele Kaninchen und viel zu wenig Futter. Kaum ein Kaninchen wollte da mit ihm kuscheln.

Und die Kaninchen, die es nicht gejagt hatten, die anderen kleinen Welpen – die waren weggebracht worden.

Das kleine Kaninchen verstand nicht, warum es nicht auch weggebracht worden war. Vielleicht hätte es inzwischen frische Wiese, Sonnenlicht und immer genügend Futter gehabt.

Es war einfach übrig geblieben. Es hatte sich auch nicht versteckt. Es hatte auch ein schönes Fellchen mit einer schönen Färbung: helle und dunkle Streifen und Flecken wechselten sich ab. Es hatte auch wunderschöne Augen: Groß und dunkel und glänzend, zumindest wenn sie nicht weh taten und nicht tränten. Und es hatte ganz besondere Ohren: Sie fielen immer wieder herab. In der ersten Zeit, als es noch ganz klein war, fielen sie gar nicht herab, dann nur eines. Inzwischen aber können das beide Ohren.

Und solche herunterfallenden Ohren kann man gut über die tränenden Augen klappen. Dann muss das kleine Kaninchen den Dreck und die Umgebung um es herum nicht mehr sehen.

*      *      *      *      *

2. Dezember


Das kleine Kaninchen weiß nicht mehr, wie es aus dem dunklen Schuppen herausgekommen ist.

Es hat es vergessen … - vergessen wollen. Aber es hat ganz lange genagt – das weiß es noch. Vor Hunger und vor Langeweile – und weil die Wiese draußen vor dem Schuppen so gut geduftet hat. Jeden Tag hat es genagt und gearbeitet – und irgendwann einmal war da ein Loch, das groß genug war, dass das kleine Kaninchen hindurchpasste. Zuerst steckte es nur sein Näschen ganz vorsichtig da raus – da gab es frische Luft! Das Kaninchen werkelte weiter. Sein Instinkt sagte ihm, dass es richtig war.

Kaninchen können sich ganz lang strecken – und sie können dabei ganz dünn werden. Das kleine Kaninchen war ohnehin ganz dünn – und so war das Loch bald groß genug, damit es ganz hindurchpasste.

Das war gestern Abend. Irgendwann war es einfach so weit – und plötzlich war es draußen, vor dem Schuppen, auf der anderen Seite seines „Zuhauses“.

Es hoppelte unsicher ein paar Schritte … - weg! Es wollte so unbedingt weg!

Das kleine Kaninchen war frei – aber in Sicherheit war es nicht. Der Schuppen war von einem recht großen Grundstück umgeben – einem ziemlich verwahrlosten Grundstück. Aber Wiese gab es! Auch im Dezember und auch, wenn der Himmel voller Schneewolken hing – für das Kaninchen gab es frische Wiese. Besonders viel war es nicht, und es musste auch ziemlich intensiv suchen – aber es gab immer wieder noch einige Grashalme und Blätter.

Sie schmeckten so gut – nichts im Vergleich zu dem krümeligen gepressten Trockenfutter, was das kleine Kaninchen an manchen Tagen, wenn es mal Futter gab, so bekommen hatte. Oft war das ohnehin nicht gewesen – und es war auch immer viel zu wenig Futter für so viele Kaninchen gewesen.

Das kleine Kaninchen genoss es daher erst einmal sehr, doch so einige Grashalme zu finden. Je intensiver es suchte, um so mehr waren es.

Und umso dichter kam es an den Wald heran. Was roch der Wald herrlich! Nach frischer Luft und Tannen – würzig und gesund.

Nur das viele Laufen – das waren seine Pfötchen nicht gewohnt. Dreck vom Boden störte das Kaninchen nicht – Dreck war es in dem dunklen Stall gewohnt gewesen. Aber der Dreck weichte seine Pfoten auf – und nach einer Weile war die Haut unter dem dünnen Fell durchgelaufen und fing an zu bluten.

Das Kaninchen machte eine Pause. Ein bisschen fing es inzwischen zu nieseln an – feiner, leiser Schneeregen. Der Regen durchdrang das dünne Fell des kleinen Kaninchens. Es fing an zu frieren. Kälte und Nässe war es gar nicht gewohnt – und die frische Luft alleine und das gefundene Gras konnten das nicht ausgleichen. Dem Kaninchen war inzwischen richtig kalt.

Instinktiv suchte sich das Kaninchen am Waldrand eine Stelle mit vielen dichten Sträuchern. Blätter gab es zwar kaum noch daran, aber der Wind und der feine Nieselregen kamen nicht so schnell hindurch. Instinktiv fing das Kaninchen an, sich dort eine kleine Kuhle zu buddeln – dort legte es sich hin. Vielleicht konnte es ein bisschen schlafen – wenn der Regen nicht stärker wurde und sein Fell nicht zu nass.

Aber richtig schlafen konnte das kleine Kaninchen nicht. Zu viel Bilder waren in seinem Kopf. Es war ihm gelungen, den vollen Schuppen zu verlassen – weg von Dreck, Jagereien und Hunger – aber wo sollte es jetzt hin? Wo war es in Sicherheit? Hier am Waldrand konnte es auf Dauer nicht bleiben – und tiefer in den Wald traute es sich nicht. Es wusste nicht genau warum – aber da hatte es Angst. Und so blieb es erst einmal in der kleinen Mulde, die es gebuddelt hatte, liegen. Viele Stunden blieb es so liegen – ganz erschöpft vom vergangenen Tag.

Der Regen ging allmählich in Schnee über – und eine weiche, weiße Schicht Schnee legte sich auch auf das Fell des kleinen Kaninchens. Der Schnee taute schnell auf seiner Haut und machte das Kaninchen ganz nass.

*      *      *      *      *

3. Dezember


Nass und frierend wachte das kleine Kaninchen in der Morgendämmerung auf.

Gut hatte es nicht geschlafen. Es hatte Angst und war erschöpft. Es wusste nicht wohin. Zurück in den Schuppen wollte es aber auf gar keinen Fall. Eigentlich müsste es Hunger haben – aber Hunger hatte es nicht. Sein Bauch tat ihm weh. Das war noch schlimmer, als Hunger. Und schlecht war ihm auch. So schlecht, dass es nicht mehr einschlafen konnte.

Das kleine Kaninchen schleppte sich aus der Kuhle ein paar Schritte zum Weg. Dort gab es noch ein paar Grashalme – aber fressen wollte es nicht. Obwohl die Grashalme gut rochen.

Eigentlich war das kleine Kaninchen ziemlich verzweifelt. Wohin sollte es jetzt? Es war schlapp, nass, hatte verletzte Pfötchen, Bauchschmerzen und keinen Hunger. Es fror immer stärker und wollte nicht hoppeln, damit ihm etwas wärmer werden konnte. So blieb es erst einmal einfach am Wegrand liegen.

Vermutlich hätte das kleine Kaninchen noch ganz lange am Wegrand gelegen, immer schlapper und immer nasser. Irgendwann wäre es ganz weiß verschneit gewesen und kaum noch sichtbar.

Angst hatte es. Ganz still lag es, die langen Schlappohren vor die Augen geklappt.

So lag es lange da. Sehr lange.

Dann plötzlich näherten sich Schritte. Dicke Stiefel, die durch die dünne, nasse Schneeschicht stapften. Noch mehr Angst kroch in das kleine Kaninchen.

Die Stiefel blieben vor dem kleinen Kaninchen stehen. Ein Mensch in einer dicken Winterjacke schaute verwundert in den Schnee. Bückte sich und hockte sich neben das kleine Kaninchen. Das Kaninchen saß ganz starr und wagte sich nicht zu rühren. Längst schon bewegten sich die Ohren keinen Millimeter mehr von den Augen weg. Zum Sprung war es ohnehin zu spät. Das Kaninchen hatte auch gar keine Kraft mehr zum Wegspringen.

Da umschlossen es große Hände. Warme, weiche Hände. Sie nahmen das kleine Kaninchen ganz vorsichtig hoch. Das Kaninchen wagte immer noch keinen Blick. Wo würden die Hände es wohl hintragen? Würden sie es wegschleppen, fallenlassen, gleichgültig wie bei seinen Artgenossen in dem dunklen Schuppen?

Doch die Hände trugen das Kaninchen ganz vorsichtig ein paar Meter weiter, hielten es ganz fest, damit es nicht herunterfiel. Die Hände gehörten zu einem Menschen, der ganz zufällig hier am frühen Morgen am Waldrand vorbeigekommen war. Er wohnte in der Nähe, und er kannte sich hier aus. Und er bemerkte, dass das kleine Kaninchen vor Angst und vor Kälte zitterte.

Behutsam drückte er das kleine Kaninchen an seine Winterjacke und wischte den nassen Schnee von dem dünnen Fell. Das Kaninchen behielt vorsichtshalber weiter die Ohren ganz fest über den Augen.

Plötzlich wurde es hell, und es wurde warm. Der Mann hatte sein Haus erreicht und war mit dem Kaninchen auf dem Arm noch im Eingangsbereich. Zwei kleine Kinder kamen stürmisch angerannt und staunten: "Papa, Papa, was hast du da? Zeig doch mal ..." - Das kleine Kaninchen klappte die Ohren noch ein bißchen fester vor die Augen.

Seine Frau kam und sagte leise zu seinen Kindern: "Vorsichtig, ihr beiden." Sie guckte auf die Hände ihres Mannes, die das kleine Kaninchen hielten, und fragte: "Thomas, das ist ja ein ganz zerzaustes kleines Tier ... - wo kommt das her?" "Das ist ein junges Kaninchen, ich habe es hinten am Waldrand gefunden. Es saß mitten im Schnee, ganz alleine, und es ist ganz nass und durchgefroren. Wo es wohl herkommt?"

Das wusste niemand.

*      *      *      *      *

4. Dezember


Die Kinder hörten die kurze Geschichte, wie ihr Papa das kleine Kaninchen gefunden hatte, und waren ganz leise.

Ganz vorsichtig sahen sie es an. Seine Frau Nadine sagte: "Leon, hol doch mal einen Korb und eine Decke, dort können wir es hineinsetzen, und Nele, du hol mal schnell ein Handtuch, dann rubbeln wir es erst einmal trocknen." Leon und Nele flitzten los.

Es dauerte nicht lange, und Nele und Leon waren mit Handtuch, Korb und Decke zurück. Das Kaninchen wurde hineingesetzt - noch immer in Angst erstarrt. Inzwischen war der Schnee auf seinem Fell geschmolzen und bildete auf dem Boden eine kleine Pfütze. Die Kinder legten die Decke in den Korb, und Thomas setzte das kleine Kaninchen ganz vorsichtig darauf. Genauso vorsichtig rubbelte er das Fell mit dem Handtuch trocken.

Das Kaninchen wagte nicht, die Ohren von den Augen wegzuklappen. Wenn es nichts sehen musste, fühlte es sich sicherer. Obwohl die Hände sehr vorsichtig und sanft mit ihm umgingen.

Aber Kaninchen sind sehr neugierige Tiere. Irgendwann wollte es nachsehen, wer sich da so intensiv um es kümmerte. Ganz vorsichtig klappte das Kaninchen das eine Ohr ein wenig zurück und sah in große, freundliche Augen von Thomas und Nadine und 4 kleinere, glänzende Kinderaugen. Dann machte es sofort seine Augen wieder zu - sie taten ihm zu weh.

Thomas nahm die kurze Bewegung des Kaninchens wahr und war ganz erschrocken. Er sah rote, entzündete und verklebte Augen, und das Fell im Gesicht des Kaninchens war ganz nass, obwohl der Schnee längst geschmolzen und verschwunden war.

Auch die verletzten Pfötchen sah er und die Bissstellen auf der Haut. Was er da sah, gefiel ihm gar nicht.

"Guckt mal, das Kaninchen sieht sehr krank aus. Wir müssen es ganz schnell zu einem Tierarzt bringen. Das gefällt mir alles gar nicht."

Doch es war Sonntagmorgen - und ein Tierarzt ist in einer ländlichen Region am Wochenende schwer zu bekommen. Der einzige, den er kannte, hatte Urlaub. Es war ja kurz vor Weihnachten. Was war am besten zu tun? Das Kaninchen brauchte doch bestimmt auch Futter. Aber was fraß so ein Kaninchen?

Sie durften nicht viel Zeit verlieren - der Zustand des Kaninchens war bedenklich, das konnte er sofort erkennen. Niemand wusste, wie lange es schon da draußen am Waldrand gelegen hatte.

Im Internet suchte Nadine in der Zwischenzeit schnell nach Tierärzten in ihrer Umgebung. Der erste war nicht da. Der zweite behandelte nur Groß- und Nutztiere. Der dritte war im Urlaub. Sie wurde etwas ratlos. Das Tierheim fiel ihr ein. Doch das örtliche Tierheim hatte erst heute Nachmittag wieder geöffnet.

Sie forschte im Internet. Mit "Kaninchen" und "Tierschutz" fand sie schnell die Seite des Kaninchenschutz e.V.. Dort war neben vielen Ansprechpartnern auch eine Hotline für Notfälle angegeben - und dort rief sie an. Die Kaninchenschützer würden bestimmt wissen, was zuerst zu machen sei. Aber ob die am Sonntagmorgen überhaupt erreichbar waren? Einen Versuch war es wert.

Der Kaninchenschutz war erreichbar. Natürlich war er erreichbar - dort ist sonntags immer jemand erreichbar. Am Telefon meldete sich eine junge Frau - Heike - und sie wusste sofort, was zu tun ist. "Ein Fundkaninchen haben Sie? Es ist verletzt und krank?" Nadine beschrieb ihr das Kaninchen, ihre Versuche, einen Tierarzt zu finden, und sie nannte auch ihre Region. "Ja, Tierärzte am Wochenende gerade in ländlichen Regionen zu erreichen, ist wirklich nicht einfach ..." - das wusste auch die Tierschützerin. Aber sie kannte eine Ansprechpartnerin im Verein, die gar nicht weit weg wohnte - mit etwas Glück wäre die direkt zu erreichen und könnte helfen. "Bitte melden Sie den Fund auch der Polizei", bat die Tierschützerin sie noch. "Vielleicht vermisst es ja jemand. Ich rufe in der Zwischenzeit meine Vereinskollegin Tanja an, die bei Ihnen ganz in der Nähe wohnt. Sie kennt bestimmt auch einen Tierarzt, zu dem Sie heute noch gehen können."

'Das Kaninchen vermisst bestimmt niemand, so krank und zerzaust, wie es aussieht', dachte ihr Mann Thomas. 'Das ist bestimmt ausgesetzt worden.' Gemeinsam hofften sie sehr, dass Tanja ihnen helfen könne.

"Papa, guck mal, es sitzt ganz ängstlich da." sagte da seine Tochter Nele. "Ganz traurig. Es guckt uns gar nicht an." Das stimmt - das Kaninchen kauerte sich immer kleiner auf der Decke im Korb zusammen. "Ja, es muss ganz schnell zum Tierarzt. Das gefällt mir gar nicht. Guck mal, die Krallen sind viel zu lang, die Pfötchen sind entzündet. Das Fell ist ganz struppig und hat verkrustete Stellen - bestimmt ist es gebissen worden. Und seine Augen sind auch ganz rot."

Nele streichelte dem Kaninchen ganz vorsichtig über das Köpfchen: "Vielleicht hilft ihm das ein bisschen. Armes kleines krankes Kaninchen."

Nadine hatte in der Zwischenzeit aus dem Kühlschrank eine Mohrrübe samt Möhrengrün geholt und sie Leon in die Hand gedrückt: "Hier, leg die mal zu dem kleinen Kaninchen in den Korb. Es braucht bestimmt etwas zu fressen, es muss doch Hunger haben."

Leon legt die Mohrrübe zu dem Kaninchen in den Korb und streichelte über sein Fell. Da waren so viele wunde Stellen ... das Kaninchen tat ihm soooo leid.

*      *      *      *      *

5. Dezember


Das Kaninchen wusste gar nicht, was um es herum geschah.

Seine Bauchschmerzen wurden immer schlimmer. Rühren mochte es sich nicht mehr. Angst hatte es auch. Die Kinderhände, die seinen Kopf streichelten, waren ganz vorsichtig mit ihm - aber vielleicht würden auch sie es gleich wieder wegschleppen und vergessen. Und eine Mohrrübe wurde auch in seinen Korb gelegt.

Aber Menschen konnte es nicht trauen. Keinem Menschen. Menschen schleppen seine Freunde weg. Menschen lassen seine Geschwister verhungern. Menschen halten es im dunklen Schuppen und lassen zu, dass es gebissen wird. Menschen lassen leblose Kaninchen einfach achtlos im verdreckten Stroh zurück.

Und jetzt haben Menschen es mitgenommen und ins Warme gestellt, streicheln es und versorgen es mit Futter? Das kannte das Kaninchen nicht.

Das Telefon klingelte und zeigte eine unbekannte Nummer. Nadine holte es schnell und meinte: "Das ist hoffentlich schon der Kaninchenschutz ... - das ging ja schnell!" - dann drückte sie die Anruftaste.

Eine andere junge Frau als vorhin meldete sich: "Guten Morgen, mein Name ist Tanja, ich bin vom Kaninchenschutz e.V.. Sie haben ein verletztes Kaninchen gefunden ...?" Tanja fragte noch einige Details ab und konnte vor allem auch direkt schon helfen: "Die Tierarztpraxis in Waldhain hat an diesem Wochenende Notdienstsprechstunde. Ich habe Ihnen die Adresse und die Telefonnummer herausgesucht und bereits dort angerufen, ich kenne die Praxis gut. Sie können direkt hinfahren. Gerade bei verletzten Notfalltieren ist eine schnelle tierärztliche Versorgung ganz wichtig."

'Wow - das ging ja schnell!' freuten sich Nadine und Thomas. Aber was sollte aus dem Kaninchen werden? Behalten konnten sie es nicht. Auf Tiere waren sie gar nicht vorbereitet, sie wussten auch gar nichts über Kaninchen. Das Tierheim wäre eine Möglichkeit. Sie sprach mit Tanja darüber. Tanja beruhigte sie: "Wir warten am besten zuerst einmal, was der Tierarzt sagt und wie schwer es verletzt ist. Wenn es eine intensive Versorgung benötigt, wäre eine erfahrene Pflegestelle am besten - das sind Vereinsmitglieder von uns, die sich rund um die Uhr liebevoll um oft schwerkranke Kaninchen kümmern und die Tiere mit den vom Tierarzt verordneten Medikamenten auch medizinisch versorgen können, aufpäppeln und pflegen. Unsere Mitglieder sind sehr erfahren im Umgang mit Notfalltieren. Soll ich mal nach einer Kollegin gucken, die Ihnen da vielleicht direkt helfen kann?"

"Ja, das wäre eine super Idee. Denn ich kann das gar nicht." Aber erst einmal musste das Kaninchen ganz schnell zum Tierarzt.

"Nele, Leon, möchtet ihr mitkommen?" Natürlich wollten sie mitkommen! Thomas ging auf den Korb mit dem Kaninchen zu - und das Kaninchen klappte ganz schnell wieder die Ohren vor seine Augen. Es verstand nicht viel - aber plötzlich war Hektik um es herum. Hektik bedeutet nichts Gutes. Die großen Hände des Mannes streichelten über seinen Kopf - dann griffen sie den Korb und trugen ihn weg.

Wieder weg. Wieder ins Dunkle. Wieder in die Kälte. Sie würden es wegschleppen. Das Kaninchen hatte Angst.

Die Mohrrübe lag unangerührt in seinem Korb.

Aber die Kinderhände streichelten es weiter. Die Kinderhände ließen es auch im Auto nicht los und lagen warm und vorsichtig auf seinem Köpfchen. Ein ganz kleines bisschen beruhigten es die Kinderhände. Ein ganz kleines bisschen klappte es die Ohren weg.

Die Fahrt zum Tierarzt war relativ weit. In der Praxis brauchten sie nicht warten, sie waren ja schon angemeldet. Eine Tierärztin erwartete sie schon und freute sich: "Ja, Tanja vom Kaninchenschutz hat mich schon informiert. Sie haben ein verletztes Fundkaninchen? Stellen Sie es mal gleich auf den Tisch hier." Thomas stellte das Kaninchen vorsichtig ab. Die Ohren waren wieder ganz fest vor die Augen geklappt.

Doch die Tierärztin sah auch so genug und war erschrocken. "Oh je, das sieht man ja sofort. Das Kaninchen ist nicht nur verletzt, sondern auch wirklich verwahrlost. Das kommt nicht aus einem Haushalt mit guter Pflege. Oh man ... - immer wieder habe ich hier solche Tiere, die einfach ausgesetzt oder verlassen werden. Ganz schlimm ist das."

Wieder packten erwachsene Hände das kleine Kaninchen. "Ganz verängstigt ist das Tier ja. Wenn man immer so wüsste, was diese Tiere alles erlebt haben ... - aber es ist noch recht jung, noch gar nicht ganz ausgewachsen. Und viel zu dünn ist es auch." Sie untersuchte das kleine Kaninchen sehr vorsichtig, hörte seine Lunge ab, sah seine Nase und die Augen an, die Pfötchen und das Fell. Das Kaninchen hielt die Ohren ganz fest über die Augen geklappt. "Sein Bauch gefällt mir auch nicht. Hat es was gefressen? Am besten machen wir ein Röntgenbild, dann wissen wir mehr."

*      *      *      *      *

6. Dezember


Wieder wurde das Kaninchen in den Korb gesetzt und weggeschleppt.

Wieder ein dunkler Raum. Wieder Hände, die es festhielten. Aber auch Hände, die es versuchten zu beruhigen und schnell wieder zurück in den Korb setzten.

Als die Tierärztin zurück ins Sprechzimmer zu Nadine und Thomas und ihren beiden Kindern kam, sahen sie alle ganz erwartungsvoll an. Sie hatte keine guten Nachrichten. "Also, Ihr Fundkaninchen hat so einige Schwerpunkte. Da sind die viel zu langen Krallen - die kürzen wir sofort. Die Wunden an den Pfötchen - die können wir versorgen. Vermutlich ist es recht weit gelaufen. Das Fell weist verschiedene Bissspuren auf, auch die versorgen wir gleich. Das sollte vermutlich gut heilen. Leider bilden sich bei Kaninchen schnell Abszesse - hoffen wir mal, dass sich da nichts entzündet hat. Die Ohren sind verkrustet, auch die reinigen wir gleich noch. Am schlimmsten sind seine Augen, die sind ganz entzündet und verklebt. Das wird langwieriger. Darum kümmern wir uns aber auch gleich. Dann müssen wir gucken, ob es nur eine akute Verletzung oder Entzündung ist, oder ob das Tier einen Schnupfen hat, der bei Kaninchen eine chronische Erkrankung ist. Die Nase werden wir auch sofort säubern, dann bekommt es auch gleich besser Luft. Die Nase ist ganz entzündet und verkrustet, ganz schlimm. Und was mir auch überhaupt nicht gefällt, ist sein Bauch - der Kleine hat eine ziemlich massive Aufgasung, vermutlich hat er zu lange nichts gefressen und dann auf seiner Wanderung Wiese gefressen. Wenn die Kaninchen Wiese nicht gewohnt sind, kann das schnell gefährlich werden. Die Aufgasung macht mir Sorgen, das kann sehr schnell lebensgefährlich für Kaninchen werden. Es war wirklich gut, dass Sie so schnell kommen konnten. - Jetzt werden wir den Kleinen aber erst einmal mit allem Notwendigen versorgen. Er bekommt Medikamente für die Aufgasung, eine Infusion, wir kümmern uns um die Augen und die Nase - das ist erst einmal das wichtigste. Und dann braucht er unbedingt Futter. Da er jetzt nicht selbst fressen will, müssen wir ihn zufüttern. Können Sie das zu Hause übernehmen? Das muss in kurzen Abständen sein, notfalls auch nachts, ebenso die Versorgung mit Medikamenten. Hoffentlich schaffen wir es, dass es überlebt."

Thomas und Nadine kannten sich nicht damit aus. Nele und Leon schauten ganz schockiert. "Es kann daran sterben?" "Ja", sagte die Tierärztin, "guckt mal, das kleine Kaninchen ist in einem sehr schlechten Zustand. Ich weiß nicht, wo es vorher gelebt hat - aber das war kein gutes Zuhause. Es ist völlig verwahrlost, hat so viele Wunden, vor allem die entzündeten Augen. Es geht ihm wirklich richtig schlecht. Aber wenn wir Glück haben, schaffen wir es. Viele Kaninchen, die aus so schlechter Haltung kommen, sind wirklich ganz tapfere kleine Kämpfer. Abgesehen von seinen körperlichen Verletzungen macht mir auch sein allgemeiner Zustand Sorge: Es ist ganz apathisch und verängstigt. Ihr merkt es ja selbst, wenn ihr es streicheln wollt. Das kleine Kaninchen hat wirklich etwas Schlimmes erlebt. Wollen wir mal jetzt dafür sorgen, dass es ihm hoffentlich bald besser geht."

Ja, dafür wollten sie mitsorgen, dachten Nele und Leon, und sahen sich an. "Das Kaninchen darf doch jetzt nicht sterben, jetzt wo wir es gefunden und gerettet haben."

Der Vater sah seine Kinder an. Dann sah er das Kaninchen an. Mit der Versorgung von kranken Kaninchen hatte er nicht die geringste Erfahrung. Wie sollten sie das schaffen?

Das Kaninchen selbst verstand das alles nicht. Es hatte nur furchtbare Bauchschmerzen und ihm war schlecht. Es wollte einfach nur schlafen - aber schlafen konnte es nicht. Es hatte furchtbare Angst, was noch passiert. Wohin es vielleicht noch geschleppt wurde. Oder ob sie es gar in den Schuppen zurückbringen würden.

Inzwischen hatte die Tierärztin seine Nase gereinigt, sie war jetzt sauber und es bekam besser Luft. Auch seine Augen waren behandelt worden und taten schon nicht mehr ganz so weh. Die vielen Krusten an Nase und Augen waren ab. Auch die Krallen waren jetzt kürzer und die blutenden Wunden an den Pfötchen waren versorgt.

Von den Strapazen und der Behandlung war das Kaninchen jetzt sehr müde und wollte einfach nur schlafen. Die Ohren wurden wieder vor die Augen geklappt.

*      *      *      *      *

7. Dezember


"Können Sie sich kompetente Hilfe holen?" fragte die Tierärztin. "Jemand, der sich damit auskennt?"

Nadine fiel der Kaninchenschutz wieder ein. "Ja, ich habe heute früh mit einem Mitglied vom Kaninchenschutz telefoniert. Sie wollte versuchen, ob sie eine Pflegestelle für das Kaninchen finden kann." Die Tierärztin stimmte ihr zu: "Das wäre wirklich eine sehr gute Lösung. Der Kaninchenschutz kennt sich wirklich damit aus - wir haben hier oft Notfalltiere, die uns der Kaninchenschutz bringt. Zwei Mitglieder in der Nähe sind dort ganz aktiv, vielleicht wissen die wirklich eine erfahrene Pflegestelle oder können sich selbst um das Kaninchen kümmern."

Sie sah Nadine und Thomas aufmerksam an. "Aber denken Sie bei aller Hoffnung daran, dass das Tier wirklich in einer ganz schlechten Verfassung ist. Rechnen Sie dennoch damit, dass Sie es nicht schaffen, dass es überlebt."

Dann fragte sie die beiden Kinder: "Wisst ihr denn einen Namen für das Kaninchen? Wie soll es heißen?" Die Kinder sahen sie an. Nach einem Namen hatten sie noch nicht überlegt. "Es ist wirklich niedlich", sagte die Tierärztin.

Niedlich fanden es die Kinder auch. "Sweets kann es heißen", meinte Nele. "Sweets klingt niedlich."

Die Tierärztin, Nadine und Thomas lächelten. Ja, Sweets klingt niedlich.

Thomas teilte die Befürchtung der Tierärztin. Aber er wollte nicht daran denken, dass Sweets nicht überleben würde. Jetzt hatte er das Kaninchen gerettet - jetzt sollte es auch eine Chance haben!

Aber eine unglaubliche Wut breitete sich bei ihm aus. Wut auf Tierhalter wie die früheren Besitzer von Sweets, die daran schuld waren, dass es überhaupt in einem solchen Zustand war. Die es vernachlässigt und einfach ausgesetzt hatten. Denen es vielleicht zuviel geworden war. Die sich erst ein Tier holten - und es dann nicht mehr versorgten. So etwas machte ihn fassungslos und wütend. Er sah die Tierärztin an und sah, dass sie dasselbe dachte.

Und sie sah bestimmt viel Tierleid in ihrer Praxis.

"Ich danke Ihnen, dass Sie sich so schnell um Sweets gekümmert haben", sagte die Tierärztin zu Nadine und Thomas. "Das ist nicht selbstverständlich. Durch Ihre Hilfe hat es eine Chance. Rufen Sie mich an, wenn etwas ist. Ich drücke Ihnen alle Daumen - und jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen 4. Advent."

Während der Rückfahrt schlief das kleine Kaninchen endlich ein. Sweets hieß es jetzt. Die Medikamente halfen dabei, dass es schlafen konnte, und sein Bauch tat auch nicht mehr ganz so weh. In der Tierarztpraxis hatte man ihm angerührtes Futter gegeben - ein ganz kleines bißchen half auch das, dass es nicht mehr ganz so schlapp war.

Zu Hause angekommen, schlief das Kaninchen immer noch.

Nadine rief sofort die Mitarbeiterin vom Kaninchenschutz an. Sie war zu Hause und hatte ihren Anruf fast erwartet. "Was sagt der Tierarzt?" Nadine berichtete und zählte alles auf. Auch die schlechte Prognose verschwieg sie nicht. "Wo ist das Kaninchen jetzt?" fragte die Kollegin vom Kaninchenschutz. "Es steht noch hier bei mir in einem alten Korb - aber da kann es ja nicht bleiben." Nein, da konnte es nicht bleiben.

"Ich habe in der Zwischenzeit mit einigen unserer Mitglieder telefoniert. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen Claudia sehr empfehlen. Sie kann sich um Ihr Kaninchen kümmern - sie ist eine unserer Aktiven, die kranke Kaninchen aufnimmt und zu Hause als Pflegestelle betreut. Sie hat wirklich viel Erfahrung."

Nadine war begeistert. Wie war das so schnell möglich? Das wäre wirklich die richtige Lösung!

Ihr Mann hatte das Kaninchen gefunden - die Tierärztin, Heike und Tanja haben bisher geholfen, und Claudia würde jetzt die weitere Versorgung des kleinen Sweets übernehmen. Nadine war von der Hilfe begeistert.

Vielleicht schaffte es das kleine Kaninchen.

*      *      *      *      *

8. Dezember


Claudia meldete sich eine halbe Stunde später.

Sie wohnte wirklich ganz in der Nähe, hatte einen freien Platz und konnte Sweets aufnehmen. Vor allem aber kannte sie sich in der Pflege schwerkranker Kaninchen aus und wusste auch, was in Notfällen zu tun war. Bei ihr war Sweets in sehr erfahrenen Händen und würde kompetent versorgt werden.

Sweets ging es währenddessen trotz der Medikamente gar nicht gut. Instinktiv wusste er, dass er etwas fressen musste - aber fressen wollte er nicht. Trinken wollte er auch nicht. Er war ganz schlapp und konnte sich kaum auf den Pfötchen halten. Aber das Streicheln der beiden Kinder genoss er. Sie waren ganz vorsichtig, ganz langsam strichen sie über sein Fell. So ein bißchen gut tat die Wärme der Hände ihm schon. Wenn er nicht gleichzeitig so viel Angst gehabt hätte, hätte er sie wirklich genießen können. Aber freundliche Menschenhände kannte Sweets nicht.

Außerdem vermisste er seine Artgenossen aus dem dunklen Schuppen. Er hätte das bis gestern nie für möglich gehalten - aber jetzt fühlte er sich ganz allein. Die Menschen verstanden ihn nicht. Die Menschen gaben sich Mühe und waren freundlich zu ihm - aber sie wussten nicht, was er brauchte.

Und niemand wusste, dass noch ganz viele Kaninchen in dem dunklen Schuppen hausten. Sweets war sehr besorgt. So ganz alleine zu sein, das kannte er gar nicht. Und die Menschen wussten nicht, wo er herkam.

Wenn sie ihn jetzt wieder wegbrachten - so viel ahnte Sweets - würde er ganz weit weg von seinen Artgenossen sein. Ob er sie überhaupt je wiedersehen würde - das wusste er nicht.

Das waren gar keine guten Gedanken - aber mit diesen Sorgen legte Sweets seinen Kopf auf den Boden des Korbes auf die Decke und schlief ein. Vielleicht streichelten die Kinderhände ihn ja doch noch ein bisschen weiter - irgendwie war das doch schön. Auch wenn es nie so schön war wie das Putzen von einem anderen Kaninchen.

Sweets schlief noch, als eine Stunde nach dem Anruf von Nadine beim Kaninchenschutz Claudia klingelte. Sie stand mit einer Transportbox in der Hand und vorbereiteter Wärmflasche für den kleinen Sweets in der Eingangstür und wurde von Nadine gleich zu Sweets geführt. Nadine zeigte ihr den Korb mit dem traurigen, kranken Kaninchen, das ihre Kinder immer noch ansahen und abwechselnd streichelten.

Auch Claudia war erschrocken über den apathischen und verwahrlosten Zustand von Sweets. 'Was hat der Kleine bloß erlebt', dachte sie. Sie tauschte mit Nadine Adresse und Telefonnummer aus, so dass sie mit Nadine und ihrer Familie in Kontakt bleiben konnte. Nadine bot ihr eine Tasse warmen Tee an und führte Claudia ins Wohnzimmer.

"Wie viele Pflegekaninchen versorgst du - und wie schaffst du es, das alles zu finanzieren? So eine Behandlung von mehreren Kaninchen ist doch teilweise sehr teuer?" wollte Nadine wissen.

"Zur Zeit habe ich 3 Pflegekaninchen", erzählte Claudia. "Ja, die Versorgung ist oft sehr aufwendig, gerade bei sehr kranken Tieren. Oft muss man Medikamente geben oder die Tiere auch füttern - päppeln - das oft auch in der Nacht. Aber sie über ein paar Wochen zu betreuen und zu erleben, dass sie sich erholen und gesund werden - das ist ein wunderschönes Gefühl. Jeden Tag sieht man, wie es solchen ausgesetzten und verletzten Tieren besser geht. Natürlich gibt es diese Erfolge nicht immer - oft schaffen wir es auch nicht und die Tiere erholen sich nicht mehr. Mit vielen Tieren leide ich da wirklich mit. Weißt du, gerade wenn man ein Tier wie ihr gefunden, aufgenommen, betreut und in Sicherheit gebracht hat - und dann erfährt, was es für Verletzungen oder Erfahrungen hat - das ist manchmal furchtbar. Manche Tiere werden einfach beim Umzug in einer Wohnung von den ehemaligen Haltern zurückgelassen und absichtlich vergessen - sie sollen verhungern und vergessen werden. Andere werden fallen gelassen, weil die Besitzer nachlässig mit umgegangen sind. Unfälle passieren - aber oft ist es Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit. Manchmal werden Tiere auch einfach auf dem Balkon abgestellt - in der Winterkälte ohne Stroh oder in der Sommerhitze ohne schattige Schutzplätze und Wasser. Solche Fälle werden uns oft gemeldet, und hier versuchen wir immer zu helfen. Und immer wieder passiert es, dass Tiere einfach ausgesetzt werden, wenn sie ihren Besitzern zu viel geworden sind. Ganz furchtbar ist das."

Nadine war sehr betroffen, als sie das alles hörte. Noch mehr wünschte sie Sweets, dass er es schaffen und sich erholen würde.

"Ja, und Pflegetiere können wirklich extrem teuer werden, gerade bei einer aufwendigen Behandlung mit Medikamenten. Der Kaninchenschutz e.V. hilft mir dann dabei - dort gibt es für aktive Mitglieder die Unterstützung der Notfallerstversorgung - das heißt, der Verein übernimmt auf Nachfrage für besonders kritische Tiere, die nicht sofort vermittelt werden können, in den ersten Wochen die Tierarztkosten - zunächst für vier Wochen, also für die ganz akute Behandlung. Wenn es länger erforderlich ist, aber auch länger. Ich kann mich dann auf die Pflege der kranken Kaninchen konzentrieren und habe die Sicherheit, dass plötzlich anfallende Notfall- und Tierarztkosten vom Verein übernommen werden. Wird ein Tier nicht innerhalb dieses Zeitraumes so gesund, dass wir es vermitteln können, kann es ein Patentier des Vereins oder bei sehr kranken Tieren sogar ein dauerhaftes Vereinstier werden, und der Kaninchenschutz e.V. übernimmt weiterhin seine kompletten Behandlungskosten. Bei Gnadenhoftieren sogar für sein ganzes Leben, diese Tiere müssen dann nie wieder umziehen und dürfen für immer in der Fürsorge ihrer Pflegestelle bleiben."

Nadine fand das klasse. "Und dann?" fragte sie weiter.

"Für alle Vereinstiere des Kaninchenschutz können Patenschaften abgeschlossen werden, dann erhälst du eine Patenurkunde und monatliche Informationen mit Berichten und Fotos von deinem Patentier und kannst es direkt unterstützen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass alle Patenschaftsbeiträge allen kranken Vereinstieren zugute kommen, alle Tiere werden gleichermaßen unterstützt, egal wie viele Paten sie haben."

Nadine war begeistert. Eine Patenschaft würde sie auch abschließen! "Und wenn die Kaninchen wieder gesund werden, dann vermittelt ihr sie?"

"Wir hoffen, dass die Kaninchen durch unsere Pflege wieder so fit werden, dass wir sie in ein schönes, neues Zuhause vermitteln können. Natürlich sehen wir uns die Verhältnisse für die Kaninchen bei den neuen Besitzern an, bevor wir unsere Tiere dort abgeben. Viel Platz muss vorhanden sein, mindestens ein Partnertier und ein gesichertes Gehege im Innen- oder Außenbereich. Den Kaninchen soll es nach ihrer Rettung ja wirklich gut gehen. Sehr viele Kaninchen konnten wir in den letzten Jahren so vermitteln. Viele Tierhalter suchen sich auch ganz bewusst inzwischen ein Tier aus dem Tierschutz aus, dem sie ein neues Zuhause geben möchten. Ganz wichtig ist dabei für uns, die zukünftigen Besitzer, vor allem wenn sie noch unerfahren mit Kaninchen sind, im Umgang mit den empfindlichen Tieren zu beraten. Es gibt viel Informationsmaterial bei uns, und wir sind über unsere Homepage und in unserem Vereinsforum mit unserem Rat und viel Erfahrung für alle Interessierten Tag und Nacht erreichbar."

*      *      *      *      *

Ausführlich über unsere Patenschaften informieren wir im Patenschaftsbereich unserer Homepage.

9. Dezember


"Und ihr macht das alles ehrenamtlich?"

"Ja, alle unsere Mitglieder machen das ehrenamtlich. Und jeder findet im Verein die Aufgabe, die ihm wirklich richtig Spaß macht. Manche sind den ganzen Sommer über auf Messen und Infoständen unterwegs und beraten dort Tierhalter - andere nehmen in Pflegestellen selbst Tiere auf. Guckt euch doch einfach mal in unserem Forum oder auf unserer Homepage um, dort erfahrt ihr ganz viel über den Kaninchenschutz e.V.."

Während sich Nadine mit Claudia unterhielt, schlief Sweets weiter.

Aber das kleine Kaninchen ahnte wohl, dass es bald von seinem vorübergehenden Platz weggebracht werden sollte. Nele und Leon standen immer noch neben seinem Körbchen, sahen ihn an und streichelten ihn vorsichtig. Da passierte etwas ganz Wunderbares: Sweets hob sein Köpfchen ein kleines bisschen - und leckte Nele ganz vorsichtig über ihre kleine Hand. Ganz kurz nur.

"Mama, können wir Sweets nicht doch behalten?" Nele guckte ganz traurig. Sie wusste, dass sie sich nun bald von Sweets trennen musste.

Auch Nadine war hin- und hergerissen. "Das geht nicht, Nele", erkärte sie. "Wir haben überhaupt keine Erfahrung, wie wir Sweets versorgen müssen. Er ist krank und braucht eine intensive Pflege. Wir haben auch gar kein Gehege für ein Kaninchen."

"Biiiiiiitttte", bettelte Nele. Leon bettelte mit.

Nadine gab Claudia schnell noch den Bericht des Tierarztes und alle erforderlichen Medikamente für Sweets mit, Thomas setzte währenddessen Sweets in die Transportbox, die Claudia mitgebracht hatte.

Sweets wusste nicht, warum er schon wieder umgesetzt wurde. Gerade hatte er sich an den Korb mit der weichen Decke gewöhnt - da wurde er dort wieder herausgenommen. Immerzu schleppten sie ihn irgendwo hin oder setzten ihn um. Er wollte einfach nur schlafen.

Und er wollte weiter die kleinen Kinderhände spüren, die ihn streichelten.

Alle vier verabschiedeten sich von Sweets. Die Kinder mochten ihn kaum loslassen. "Machs gut, kleiner Sweets, und wir drücken dir ganz doll die Daumen, dass du überlebst."

Auch Claudia nahm das mit. Sie verabschiedete sich schnell von allen, aber sie würde von Sweets berichten. Nele hatte große Tränen in den Augen, weil sie so traurig war, dass sie Sweets wieder abgeben musste.

"Er hat jetzt aber eine richtige Chance", tröstete ihre Mama sie. Ja, das hatte Sweets.

Claudia stellte die Transportbox mit Sweets sicher in ihr Auto und fuhr los. Nach einigen Kilometern hielt sie an. Sweets hatte Angst, schon wieder umgepackt zu werden. Und so kam es auch - wieder wurde er aus dem Auto herausgeholt.

Claudia fuhr mit Sweets Fähre. Das kannte er ja nun überhaupt nicht. Das Schiff schaukelte, und Sweets wollte schnell wieder an Land. Außerdem war es kalt, auch wenn er in seiner Transportbox in eine Decke gehüllt und mit einer Wärmflasche versorgt war. Es nieselte, der Himmel war grau und es war windig.

Das Schlimmste aber war: Sweets war sicher, dass er nie wieder in die Gegend zurückkommen würde, in der der alte Schuppen stand. Ob er das nun so gut fand, wusste er noch gar nicht - denn er würde nie mehr jemanden von seinen Kaninchen-Artgenossen wiedersehen.

Das machte ihn sehr traurig. Und leider konnte er Claudia nichts davon mitteilen - denn sie verstand ihn nicht. So schaute er sie nur ganz traurig an.

Claudia sprach leise mit ihm und versuchte ihn zu beruhigen. Ein bißchen tat das gut - aber auch Claudia war ein Mensch und schleppte ihn herum. Sie schleppte ihn weg. Das konnte nichts Gutes sein.

Sweets war einfach nur müde und wollte schlafen. Aber bei dem Geschaukel konnte er nicht gut schlafen. Ihm war schlecht und Bauchschmerzen hatte er auch wieder.

Als die Fähre endlich das andere Ufer erreicht hatte, war das kleine Kaninchen völlig erschöpft. Die Autofahrt bis zu Claudias Zuhause war zum Glück nicht mehr weit, und endlich wurde er wieder auf Boden abgestellt, der nicht wackelte. Es war warm und trocken - und es roch irgendwie gut. Es roch nach Heu und Kräutern. Das gefiel Sweets.

Claudia sah in die Box und das kleine Kaninchen da unbeweglich liegen. Sie seufzte. "Ach Sweets, du bekommst erst einmal schnell deine Medikamente, und dann kannst du bestimmt ein bisschen schlafen."

Schlafen hörte sich gut an. Am liebsten wollte Sweets jetzt immer schlafen.

*      *      *      *      *

10. Dezember


Für die Medikamentengabe wurde Sweets wieder aus der Box herausgeholt.

Claudia hatte von Nadine und Thomas ja alle Medikamente mitbekommen, die die Tierärzin den beiden gegeben hatte. Sie versorgte seine Augen mit Tropfen - aber danach klappte Sweets schnell wieder die Ohren über die Augen. Sie versorgte auch seine wunden Pfötchen und seine Nase. Aber Krusten hatten sich zum Glück keine neuen gebildet, die Nase war zwar noch entzündet, aber er bekam einigermaßen gut Luft. Tropfen, die nach Kräutern schmeckten, bekam er auch, und Claudia rührte ihm das Futter an, das er auch schon bei der Tierärztin bekommen hatte.

Sweets mochte nichts fressen. Claudia redete weiter beruhigend mit ihm, und über sein Köpfchen streichelte sie auch. "Sweets, du musst ein bisschen was essen. Das ist ganz wichtig." Aber Sweets wusste nicht, wofür das noch wichtig sein sollte. Schlafen wollte er.

Claudia kochte ihm Fencheltee und massierte sein Bäuchlein. Claudia fütterte ihn und versorgte ihn mit allen Medikamenten. Sweets überlegte, ob er Claudia ein bisschen vertrauen sollte.

Nach dem Füttern und Massieren setzte ihn Claudia in ein schönes, sauberes Gehege. Das sah ganz anders aus als in dem alten, dunklen Schuppen! Sweets staunte. Sauber war es hier und frische Einstreu lag auch darin, außerdem ein riesengroßer Haufen Heu und dichtes, weiches Stroh.

Sweets hoppelte sofort in den Stohhaufen - und war verschwunden. Ganz tief buddelte er sich ein, so tief es ging, so dass er überhaupt nicht mehr zu sehen war. Das Stroh war warm und weich und es schützte ihn - vor der Welt und vor den Menschen. So hatte er es auch in dem dunklen Schuppen gemacht.

Aber hier roch das Stroh viel frischer, und es war trocken und sauber. Was für ein Unterschied!

Während Sweets sich ganz tief in den Strohhaufen einkuschelte, rief Claudia sofort beim Vorstand des Kaninchenschutz e.V. an. Später schrieb sie noch eine Mail und schickte ein Foto von Sweets - eines, auf dem er ganz schlecht aussah, mit dem verkrusteten Näschen, den entzündeten Augen und den zugeklappten Ohren. In der Mail beschrieb sie ganz kurz, was die Tierärztin alles festgestellt hatte und welche Medikamente Sweets benötigte.

Der Vorstand des Kaninchenschutz entschied sofort: Sweets bekommt die Notfallerstversorgung und Claudia damit alle Kosten seiner medizinischen Versorgung in den nächsten vier Wochen erstattet. Gemeinsam mit Claudia waren die Vorstandsmitglieder über den schlechten Zustand von Sweets schockiert - und gemeinsam mit Claudia hofften sie, dass das kleine Kaninchen sich durch die gute Pflege und Fürsorge bei Claudia erholen und gesund werden konnte.

Schon oft haben die Mitglieder im Kaninchenschutz erlebt, dass schwerkranke Tiere sich wieder erholen und gesund wurden. Das hofften sie alle bei Sweets genauso.

In der Zwischenzeit begann Sweets zu frieren. Immer kälter wurde ihm, auch unter der dicken Strohschicht. Claudia guckte permanent nach ihm und merkte schnell, dass seine Ohren immer kälter wurden.

Doch Claudia kümmerte sich um ihn. Wieder versorgte sie ihn mit Medikamenten, massierte sein Bäuchlein, gab ihm Futter und warmen Fencheltee. Sie ließ ihn aber auch ausruhen, und sie schleppte ihn nicht mehr herum. Und sie ließ ihn schlafen.

Bevor Sweets einschlief, leckte er ihr ganz vorsichtig die Hand. Er wollte nicht, dass Claudia aufhörte, sich um ihn zu kümmern.

"Schlaf schön, kleiner Sweets", sagte Claudia mit ruhiger Stimme zu ihm. "Jetzt bist du in Sicherheit. Jetzt musst du dich erholen, und du musst gesund werden. Du bist noch so jung, du sollst noch ein ganz schönes und langes Kaninchenleben haben."

Sweets wusste nicht genau, was ein schönes langes Kaninchenleben ist. Er war auch zu müde zum Nachdenken. Er schlief einfach wieder ein.

Während Sweets noch schlief, erhielt Claudia einen Anruf vom Vorstand des Kaninchenschutz e.V. Was sie da hörte, ließ sie zusammenzucken: Ihre Kollegin Anja rief an: "Wir haben eine Information einer Einwohnerin in deiner Region bekommen - in dem Ort, aus dem du heute das kleine Kaninchen abgeholt hast, hat sie einen Animal-Hoarding-Notfall gemeldet. Sie beobachtet das wohl schon länger, da gibt es eine Tierhalterin, bei der wir vor drei Jahren schon einmal dem Veterinäramt bei einer Beschlagnahmung und Befreiung von ein paar Hundert Kaninchen geholfen haben. Jetzt soll diese Halterin wieder Kaninchen halten. Das Veterinäramt ist informiert. Du wohnst doch da in der Region - es kann also sein, dass wir weitere Hilfe mit Pflegestellen benötigen."

Claudia war schockiert. Sie wusste genau, was die Hilfe in einem Animal-Hoarding-Notfall bedeutete: Dutzende, vielleicht Hunderte verletzte, hungernde, kranke, verwahrloste Kaninchen. Sie war bei dem Notfall vor drei Jahren bereits dabei gewesen - es war eine furchtbare Erfahrung.

Immer wieder sind die Mitglieder im Kaninchenschutz schockiert, wenn sie mit solchen Notfällen konfrontiert werden. Mit Tierleid, das kaum anzusehen ist - und das vermeidbar wäre, wenn Besitzer verantwortungsvoll mit ihren Tieren umgehen.

Konnte Sweets aus solchem Haushalt kommen? Oder war es Zufall, dass er in derselben Region gefunden wurde?

Sie sah ihn an und sah, wie er schlief. Sie strich über sein Köpfchen. "Erhol dich gut, kleiner Schatz. Werde schnell gesund."

*      *      *      *      *

11. Dezember


Claudia überlegte, wie sie die Pflege für den kleinen Sweets organisieren sollte - denn heute Nachmittag würde sie erst einmal in ihrem Tierheim einen Weihnachtsnachmittag mit gestalten.

Dafür mussten noch Kuschelröhren, Informationsmappen und einige neue "Karotten" - die Vereinszeitschrift des Kaninchenschutz e.V. - eingepackt werden. Aber Sweets alleine lassen, das ging in seinem Zustand auch nicht.

"Fahr ruhig zu deinem Weihnachtsnachmittag", sagte ihr Mann Kai. "Ich passe so lange auf Sweets auf." Eigentlich wären sie zusammen zum Weihnachtsstand gefahren - aber so fuhr Claudia alleine.

Sie traute sich kaum von zu Hause weg. Als sie losfuhr, schneite es draußen, es war kalt und ungemütlich - und Sweets schlief gut versorgt mit seinen Medikamenten immer noch in seinem Strohhaufen. "Fahr vorsichtig", sagte ihr Mann noch, "die Straßen sind inzwischen sehr glatt."

Claudia fuhr sehr vorsichtig, aber es war eine anstrengende Fahrt über die winterlichen Straßen. Sie freute sich auf den gemütlichen Nachmittag - bestimmt mit Punsch und Weihnachtsplätzchen. Das Tierheim hatte die Kleintier- und Kaninchenstation gerade neu ausgebaut, Claudia hatte dort viel geholfen und beraten. Die Kaninchen hatten nun große, helle Gehege, einen sauberen und luftigen Raum zur Verfügung und konnten für die Unterbringung in einem Tierheim wirklich gut leben. Es gab Frischfutter und Wiese, solange noch welche zu finden war. Unter der dicken Schneedecke fand man keine Wiese mehr. Die kranken Kaninchen waren in einem Nebenraum untergebracht, der auch neu und freundlich gestaltet und mit kleinen Gehegen ausgestattet war.

Es waren wirklich schöne Bedingungen für die Kaninchen inzwischen - und das war nicht selbstverständlich, das wusste Claudia. Ob Sweets hier auch einziehen würde, wenn er wieder gesund war? Doch erst einmal musste er gesund werden - und dass das alles andere als einfach war, das wusste Claudia aus ihrer Erfahrung.

Immer wieder gingen ihre Gedanken zu dem kleinen Kaninchen zurück. Wie konnte es nur sein, dass Menschen ihre Tiere aussetzten? Im kalten Winter einfach an einer Straße zurückließen? Nicht einmal die Mühe, ihn in ein Tierheim zu bringen, hatten sich seine Besitzer gemacht. So etwas ist mehr als unverantwortlich - und so etwas musste wirklich nicht sein. Kein Tier sollte so leiden müssen!

Es grenzte wirklich an ein Wunder, dass Thomas den kleinen Sweets da noch lebend gefunden hatte. Nun musste er nur auch überleben - und das war nicht sicher.

Warum versuchen Tierbesitzer nicht, ihre Tiere zu vermitteln? Es gibt so viele Möglicheiten! Vermittlungsanzeigen sind möglich, Inserate, Fragen bei Freunden, Bekannten. Auch der Kaninchenschutz e.V. hat ein Vermittlungsteam und auf der Homepage viele Informationen zu einer möglichst schnellen und guten Vermittlung für Besitzer. Auch wichtige Tipps für Besitzer, auf was sie achten sollten, damit das eigene Kaninchen wirklich in ein gutes Zuhause kommen würde, gibt es da. Aber immer wieder war das Besitzern viel zu aufwendig - sie schafften sich ein Tier an, oft auch für ihre Kinder - und dann war es irgendwann einfach übrig oder lästig - und dann musste es weg.

Es war kurz vor Weihnachten. Wie jedes Jahr würden auch in diesem Winter wieder viele Kaninchen unter dem Weihnachtsbaum als Geschenke für Kinder sitzen. Claudia wollte gar nicht daran denken - doch verdrängen konnte sie es nicht. Wie viele Tiere davon hatten wirklich ein artgerechtes, schönes, liebevolles Zuhause, in dem sie geliebt und respektiert wurden, in dem auf ihre Bedürfnisse geachtet wurde? Kleine Kaninchen sind niedlich, ohne Frage, und viele Kinder wünschen sich so ein kleines, kuscheliges Fellbündelchen. Am liebsten noch als Welpen.

Dann werden die Kaninchen gekauft und den strahlenden Kindern als Geschenk unter den Weihnachtsbaum gesetzt - und danach fängt häufig das Tierleid an. In den ersten Tagen sind die Kinder ganz begeistert von dem kleinen Spielgefährten. Sie kuscheln, spielen und streicheln die Kaninchen - oder sie schleppen ihre Tiere in der Wohnung herum. Ohne dass sie wissen, wie anstrengend und riskant das für die Kaninchen ist. Kinder können oft noch gar nicht richtig reagieren, wenn ein Kaninchen plötzlich blitzschnell vom Arm springt - Kaninchen sind nun mal Fluchttiere. Schwere Verletzungen, Stürze, Knochenbrüche oder Schlimmeres für die Kaninchen sind die Folge.

Oder die Kaninchen werden in viel zu kleinen Käfigen untergebracht, womöglich noch in der lauten, hellen Spielecke im Kinderzimmer - damit die Kinder sie gut sehen können. Für die Kaninchen ist das eine ungeheure Belastung. Die Tiere haben dabei nicht einmal die Möglichkeit, sich in eine ruhige, geschützte Ecke zurückzuziehen.

Natürlich meinen viele Besitzer es gut - sowohl für ihre Kinder, als auch für die Kaninchen - wenn sie ihren Kindern zu Weihnachten solch ein Kuscheltier aus dem Zoogeschäft holen. Doch für die vielen Hundert oder Tausend Kaninchen jedes Jahr - für die ist es eine wirklich schlimme Erfahrung.

Und ganz viele dieser kleinen Kuscheltiere landen einige Wochen nach Weihnachten schon in ihrem Tierheim. Das wusste Claudia. Aktuell waren die Gehege relativ leer - natürlich erkundigten sich auch vor Weihnachten rücksichtsvolle Besitzer im Tierheim nach Tieren für ihre Kinder. Das Tierheim achtete jedoch sehr darauf, Tiere nicht vor Weihnachten zu vermitteln. Viel sinnvoller war es, wenn Interessenten mit ihren Kindern in den Tagen oder Wochen nach Weihnachten vorbeikamen, sich ausführlich beraten ließen, sich die Tiere sorgfältig ansahen und dann auch erst einmal ihre Wohnung oder ihr Haus auf die Tiere einrichteten. Das konnte man wunderbar mit Kindern machen!

Und wenn dann alles fertig war - ja, dann vermittelten Claudia und auch das Tierheim sehr gerne Kaninchen auch in Familien und in Kinderhände. Sofern die Erwachsenen die Betreuung der Tiere übernahmen - das war eine Grundvoraussetzung. Denn kein kleines Kind ist in der Lage, die Verantwortung für ein Lebewesen mit der täglichen Versorgung, Fütterung, Pflege und auch medizinischen Versorgung zu übernehmen - hierfür waren die Erwachsenen verantwortlich.

Auch darauf achtete Claudia in ihren Beratungen. Überhaupt war sie sehr gespannt, wer sich an diesem Nachmittag alles so nach Kaninchen und anderen Tieren im Tierheim erkundigen würde. Der vorweihnachtliche Nachmittag lud mit Sicherheit viele Besucher in das Tierheim ein.

*      *      *      *      *

12. Dezember


Während Claudia so ihren Gedanken nachhing, kam das Tierheim langsam in Sicht.

Claudia freute sich - alles sah schon richtig weihnachtlich aus. Das würde ein schöner Nachmittag werden!

Schnell lud sie alle ihre Materialien aus und trug sie nach innen. Der Stand war in kurzer Zeit aufgebaut und mit allen Informationsmaterialien, Futter und Kuschelröhren bunt gestaltet.

Und natürlich wollte Claudia vor der Öffnung für die Besucher noch in der Kaninchenstation nachsehen.

Schön sah es aus - saubere, helle, freundliche Gehege, alles war frisch eingestreut und duftete würzig nach Heu. Die meisten Kaninchen schliefen - also schlich Claudia schnell wieder hinaus. Ein kleiner Wurf mit einer Häsin und 5 kleinen Welpen, nur wenige Wochen alt, wuselte in einem separaten Gehege herum. Es war wunderschön, die kleine Familie so aufwachsen zu sehen. Wunderschön - und nicht selbstverständlich.

Viele Besucher kamen an diesem Nachmittag! Es war ein sehr erfolgreicher Tag. Claudia hatte viele schöne Beratungen - sehr viele Interessenten, viele Familien mit Kindern, die sich wirklich für die kleinen Tiere interessierten und sich nach guten Lebensbedingungen erkundigten. Claudia verkaufte Futter, Blätter- und Gräsermischungen, verschiedenes Holzspielzeug und Kuschelöhren. Gerade vor Weihnachten wurden die Kuschelröhren so gerne gekauft, dass das Team des Kaninchenschutz, das diese Röhren nähte und drahtete, kaum mit der Produktion nachkam.

Claudia dachte an ihre Kolleginnen, die die weichen Stoffe für die Kuschelröhren verarbeiteten. Sie freuten sich immer, wenn sie selbst die Freude der Besitzer sahen, die ihre Röhren kauften - und später ihren Kaninchen hinlegten, so dass die neugierig und staunend durch das neue, weiche Spielzeug flitzen konnten.

Ob die Besitzer ahnten, wie mühevoll diese Kuschelröhren produziert werden - alle ausschließlich in Handarbeit? Viele Stunden saßen die Mitglieder ihres Vereins an der Verarbeitung, und viele Hände waren an der Herstellung beteiligt. Wenn sich dann später Kaninchen und Besitzer über diese Kuschelröhren freuten - dann war das immer ein schöner Erfolg für ihr Team!

Solche Geschenke sind schön für Menschen und ihre Tiere, dachte Claudia, so etwas sollten die Besitzer unter den Weihnachtsbaum legen - und keine lebenden Tiere.

Auch kleine Hängematten gab es inzwischen - über eine kleine Holzkiste gespannte weiche Stoffe, auf denen die Kaninchen sich ausruhen und zum Schlafen hinlegen konnten, unter die sie aber auch in die kleine Kiste krabbeln konnten. Viele Ideen waren möglich - wer etwas handwerklich begabt war, konnte hier wirklich kreativ für die Tiere tätig werden.

Ein kleines Mädchen kam mit ihren Eltern zu Claudia an den Stand und erklärte ganz stolz, dass sie seit einigen Wochen zwei Kaninchen habe. Sie zeigte Claudia Bilder von ihrem Gehege - einem wirklich schönen Kaninchengehege im Wintergarten mit viel Platz für ihre Tiere. Claudia lobte die Gestaltung der Familie, und das Mädchen strahlte. Sie hat zu Hause geholfen, alles schön einzurichten, und kümmere sich jeden Tag um ihre Tiere, dass die Kaninchen auch immer ausreichend Futter und Mohrrüben hätten. Claudia lächelte und lobte das Mädchen - das war wirklich eine vorbildliche Kaninchenhaltung.

Claudia musste an Nele und Leon denken, die Sweets so gerne behalten hätten. Ja, Tiere können für Kinder schon wirklich etwas Wunderbares sein - gerade im Umgang mit Tieren können Kinder viel lernen. Aber entscheidend ist die Einstellung der Eltern.

Viele Eltern beriet Claudia an diesem Nachmittag, viele Interessenten kamen ins Tierheim. Die allermeisten waren wirklich interessiert an ihren Tipps und nahmen viele neue Informationen mit. Immer wieder erklärte Claudia auch, warum es so wichtig war, Kaninchen nicht von einem Züchter zu kaufen. Hier gab es den wohl größten Beratungsbedarf - denn ganz viele Interessenten fragten zwar nach, wollten ihre Tiere aber von einem Züchter holen, da sie in Tierheimen meist nur kranke oder schwierige Tiere vermuteten.

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Unser Kaninchenschutz-Kalender 2018 und die Vereinszeitschrift "Karotte" sind in unserem -> Shop erhältlich.

13. Dezember


Immer wieder erklärte Claudia die Hintergründe, zeigte den Interessenten den neuen Kleintierbereich und die Kaninchen des Tierheims.

Sie kannte von den meisten Tieren deren Herkunft und auch deren Besonderheiten. Immer wieder erklärte sie geduldig, dass in Tierheimen keineswegs nur kranke oder verlassene Tiere aufgenommen werden. Immer wieder landeten hier Tiere, mit deren Haltung die Besitzer einfach überfordert waren, die sich die Kaninchenhaltung viel leichter vorgestellt hatten, deren Tiere sich untereinander nicht vertrugen oder bei denen es bei den Tierbesitzern oder einzelnen Familienmitgliedern zu Allergien gegen Heu oder Tierhaare gekommen war. Immer wieder beriet Claudia die Interessenten, all dies vor einer Anschaffung der Tiere zu überlegen und testen zu lassen.

Die Tiere konnten nichts dafür - doch so wurden viele Kaninchen schon in den ersten Monaten ihres Lebens "herumgereicht". Züchter brachten ihre Tiere in Zooläden, dort wurden sie verkauft und gelangten in Haushalte, die oft noch gar nicht ideal auf die Tierhaltung vorbereitet sind. Gab es Probleme, wurden die Tiere entweder schnell weitergegeben oder landeten im Tierheim. Viele Tiere hatten traurige Erlebnisse. Aber ganz viele sind auch gesund, sie werden im Tierheim tierärztlich betreut, und die Mitarbeiter kennen ihre Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften.

Auf keinen Fall dürfen Kaninchen alleine gehalten werden - auch dies erzählte Claudia so oft an diesem Nachmittag. Und immer ist es wichtig, den Charakter des neuen Tieres richtig einschätzen zu können, bevor man es zu einem Tier, das man schon hatte, dazu holte. Schließlich müssen sowohl die Tiere als auch die Menschen später zusammenleben - und das geht nicht mit jedem Tier.

Claudia erzählte den ganzen Nachmittag. Traurige Erlebnisse waren Besitzer, die in den letzten Monaten ihre Tiere an der neuen Variante der RHD-Seuche, RHDV-2, verloren hatten. Immer wieder kamen Tierhalter zu ihr, deren ganze Kaninchengruppe plötzlich verstorben war. Claudia gab Tipps, wie damit umzugehen sei, wie das Gehege desinfiziert werden musste - alle diese Tipps finden die Besitzer auch auf der Homepage des Kaninchenschutz e.V. Sie verteilte Informationsblätter, half mit wertvollen Hinweisen, erwähnte immer wieder die Möglichkeiten der Impfung gegen diese Seuche - und guckte in viele traurige Kinderaugen: "Das haben wir nicht vorher gewusst." Leider, dachte Claudia. Aber zum Glück gibt es jetzt seit einigen Monaten deutschlandweit die Möglichkeit, die Tiere unkompliziert auch gegen die "neue Seuche" impfen zu lassen.

Kurz vor Schluss kam noch eine Familie an den Stand und fragte nach Informationsmaterialien speziell für Kinder. Auch die hatte Claudia - eine extra Broschüre nur für Kinder: Die "Kinderinfomappe". Ganz neu gedruckt war sie und gerade erst fertig gestellt. Auch darum kümmerten sich Mitglieder im Kaninchenschutz e.V. in einem eigenen Team: Sie recherchierten, stellten Texte kindgerecht zusammen, suchten passende Fotos dazu und entwickelten eine eigene Kinderbroschüre.

Ein Kinderbuch würde es in den nächsten Wochen auch geben - auch das war gerade im Druck. Viel wurde für Kinder und für die Informationen an Besitzer überhaupt getan - das war schließlich auch der Schwerpunkt ihres Vereins. Es war ein schöner Schwerpunkt - weil so viele davon profitierten. Je mehr die Besitzer über Kaninchen wussten, um so besser konnten sie auch ihre Tiere halten. Und im Vereinsforum fanden sie jederzeit Hilfe bei fast allen Fragen.

"Vermitteln Sie auch selbst Kaninchen?" fragte eine andere Familie. Ja, auch das gab es - und wieder dachte Claudia an Sweets. Tiere wie er wurden aus Notfällen von Vereinsmitgliedern aufgenommen, fürsorglich gepflegt und betreut, medizinisch versorgt und oft aus kritischen Zuständen aufgepäppelt. Und es war immer wieder ein ganz besonderes, schönes Gefühl, wenn diese Tiere dann gesund und vermittlungsfähig wurden. Claudia gab der Familie ihre Visitenkarte mit der Internetadresse des Kaninchenschutz mit - auf der Homepage sind alle Pflege- und Vermittlungstiere mit ihren jeweiligen Lebensgeschichten abgebildet.

Völlig erschöpft, aber auch sehr zufrieden packte sie dann einige Stunden später das inzwischen wesentlich weniger gewordene Informationsmaterial und restliche Futter wieder in ihr Auto. Inzwischen war es dunkel - aber draußen schneite es immer noch. Das Auto war von einer dicken Schneeschicht bedeckt - sie würde wieder sehr vorsichtig fahren müssen.

Toll war der Nachmittag gewesen - und bevor sie ging, sah Claudia natürlich noch einmal im Kleintierbereich bei den Kaninchen vorbei. Eine zusätzliche Portion Frischfutter gab es für sie heute - es war ja Advent.

Schön war der Nachmittag gewesen - schön und erfolgreich. Jede ihrer Beratungen kam schließlich den Tiere direkt zugute - und das war ein schönes Gefühl. Doch bei aller Unbeschwertheit dachte sie immer wieder auch an Sweets - wie es ihm zu Hause wohl gehen würde? Ihr Mann hatte sich immer wieder zwischendurch über ihr Handy gemeldet - meist schlief Sweets, und zwischendurch versorgte ihn ihr Mann mit den notwendigen Medikamenten: Er gab ihm Futter, Fencheltee, Augentropfen und Medikamente für sein Bäuchlein. Aber immer schlechter wurden die Nachrichten, die er Claudia schickte.

*      *      *      *      *

14. Dezember


Während Claudia beim Weinachtsfest des Tierheimes war, schlief Sweets größtenteils.

Der Besuch beim Tierarzt und die Fahrt zu Claudia waren anstrengend für ihn gewesen, so anstrengend. Immerzu wurde er herumgeschleppt, ausgepackt, wieder eingepackt und wieder herumgeschleppt. Endlich konnte er bei Claudia in einem frischen Gehege schlafen - eingekuschelt in das dicke Stroh.

Wenn ihm nur nicht so kalt gewesen wäre. Diese Kälte war ganz schlimm. Sweets verstand das gar nicht. Selbst in der Nacht unter dem großen Strauch am Waldrand war ihm nicht so kalt gewesen. Und hier in Claudias Wohnung war es überhaupt nicht kalt!

Sweets wurde wach - und Claudia war weg. Aber Claudias Mann war da. Sweets war traurig. Wieder war jemand weg. Claudias Mann bemerkte, wenn Sweets zwischendurch wach wurde - er streichelte ihn und er redete mit ihm. Sweets verstand nicht, was er sagte.

Wenn ihm nur sein Bäuchlein nicht so wehtun würde! Das war unerträglich. Er fand gar keine richtige Position zum Schlafen, so weh tat ihm alles. Und schlecht war ihm auch. So schlecht war ihm nicht einmal früher vor Hunger gewesen! Und soooo kalt.

Dann schlief Sweets wieder ein.

Claudias Mann Kai machte sich Sorgen. Irgendwie schien Sweets immer schwächer und kälter zu werden, auch seine Ohren waren erschreckend kalt.

"Kleiner Sweets, möchtest du nicht ein ganz kleines bißchen hoppeln?" fragte er - aber Sweets konnte ihn nicht verstehen. Sweets mochte auch nicht hoppeln. Kai machte sich immer größere Sorgen. Schließlich nahm er Sweets aus seinem Strohhaufen heraus und zu sich auf die Couch. In eine Decke gewickelt, massierte er stündlich Sweets Bäuchlein. Fencheltee hatte er auch noch einmal gekocht. Vorsichtig gab er Sweets von dem lauwarmen Tee.

Sweets konnte kaum trinken. Immer wieder streichelte Kai das kleine Kaninchen und redete beruhigend auf es ein. Ganz schwach versuchte Sweets die große Hand zu lecken - ein ganz kleines bißchen. Denn die Wärme, die er bei Kai fand, die tat ihm gut. Die Wärme eines Menschen, der sich um ihn kümmerte, die war viel schöner als die Wärme unter seinem Strohhaufen.

Sweets öffnete die Augen ein ganz klein wenig - aber sie taten ihm zu weh. Er schloss sie schnell wieder. Doch Kai hatte es gesehen. Und Kai massierte ihn weiter.

Dann schlief Sweets wieder ein.

Kai versuchte wirklich alles. Aber es war nicht zu übersehen: Sweets ging es immer schlechter, er wurde immer schwächer - und Kai war sich nicht sicher, ob Sweets am Leben bleiben würde. Er konnte das verlorene Leben fast spüren, die verlorene Kraft, die große Schwäche von dem so kleinen Kaninchen.

Auch Claudia dachte während ihrer Rückfahrt nach Hause immer wieder an das kleine Kaninchen. Als sie zu Hause ankam, war ihr erster Schritt dann auch direkt zu Sweets Gehege. Das war leer. Claudia wusste intuitiv, dass Sweets die letzten Stunden wohl nicht überlebt hatte. Auch wenn sie aus ihrer Erfahrung natürlich wusste, dass nicht alle Kaninchen, die gefunden und abgegeben wurden, gerettet werden konnten - es traf sie jedes Mal wieder. Jedes Mal ein neuer Schock und neue Wut, dass es überhaupt so weit kommen musste.

Schlimm und traurig - das war es. Sie hätte dem kleinen Kaninchen so sehr eine schöne Zukunft gewünscht - jetzt, wo es endlich in Sicherheit gewesen war.

Langsam ging sie ins Wohnzimmer. Sie erwartete ihren Mann, ebenfalls traurig. Schließlich hatte er sich in den letzten Stunden um den kleinen Sweets gekümmert. Niemanden ließ so ein Schicksal eines Fundkaninchens kalt. Bei jedem Tier litten Claudia und ihr Mann ein wenig mit. Vor allem deshalb, weil dieses Tierleid vermeidbar war! Vermeidbar, wenn Besitzer sich um ihre Tiere kümmern, sie versorgen und behandeln lassen. Und sie nicht einfach aussetzen!

Claudia schwankte zwischen Traurigkeit und Wut. Gleich würde ihr Mann sie in den Arm nehmen - sie würden sich gegenseitig trösten. Wie schön war es, dass Claudias Mann ihre Liebe zu den Kaninchen teilte - für sie beide war das schön.

Claudia betrat ihr Wohnzimmer mit einem traurigen Blick. Dann fiel ihr Blick auf Kai - der mit dem in eine Decke gewickelten kleinen Sweets auf der Couch saß. Und sie nahm die schnellen Atembewegungen von Sweets war. Sweets lebte!

Doch Kai sah auch sie mit traurigem Blick an. Sweets wurde immer schwächer - trotz aller durchgängigen Versorgung mit Medikamenten, seiner Fürsorge und Pflege wurde das kleine Kaninchen immer schwächer und kälter.

Clauda streichelte das kleine Kaninchenköpfchen. Sweets wurde wach.

*      *      *      *      *

15. Dezember


Warm in die Decke bei Kai auf der Couch gehüllt, schlief Sweets fast durchgängig.

Ab und zu wurde er wach - hob ein ganz klein wenig sein Köpfchen, versuchte Kais Hand zu lecken - aber er war so schwach. Immer wieder schlief er völlig erschöpft ein.

Vielleicht waren Menschen doch gar nicht so schlecht. Irgendwie kümmerte sich nach Claudia jetzt auch Kai schon den ganzen Nachmittag um ihn. Claudia war zwar weg - aber Kai ersetzte sie. Er streichelte ihm das Köpfchen und über seine kalten Ohren, er fütterte ihn, er massierte ihn. Sweets merkte, dass Kai wirklich wollte, dass es ihm besser ging. Sweets sah seinen traurigen Blick - das machte ihn selbst noch trauriger. Wenn ihm nur seine Augen nicht so weh tun würden. Aber die Augen konnte er nicht aufbehalten. Sie taten zu weh - und er war zu schwach.

Immerhin hatte er doch noch erlebt, dass nicht alle Menschen schlecht waren. Es gab ganz offensichtlich doch noch Menschen, denen Kaninchen nicht egal waren. Die sich wirklich schon den ganzen Tag um ihn kümmerten. Das rührte Sweets. Das kannte er gar nicht. Aber es war ein schönes Gefühl, ein sehr warmes Gefühl. Diese Wärme durchflutete seinen kleinen Körper und zog auch in seine Ohren. Eine Wärme von innen war es - ein völlig neues Gefühl. Sweets wurde gemocht und umsorgt. Sweets wurde versorgt. Er wurde geliebt. Schön war das. Mit diesem Gefühl schlief er wieder ein.

Als das kleine Kaninchen das nächste Mal wach wurde, saß Claudia neben Kai auf der Couch. Claudia war wieder da?! Sweets konnte es kaum glauben. Sie war wieder da! Sie ist zurückgekommen! Der erste Mensch, den Sweets kannte, der wieder zurückgekommen war. Alle anderen bisher - alle hatte er nur einmal gesehen, und alle waren danach weg. Aber Claudia kam zurück!

Sweets hob erfreut ein ganz klein weg sein Köpfchen. Claudia nahm ihn Kai ab und nahm ihn mit seiner Decke in ihre Arme. Sweets war glücklich. Sweets konnte das gar nicht verstehen. Das kannte er gar nicht! Menschen mit warmen, liebevollen Augen und Händen, die ihn umsorgten.

Sehr dankbar leckte Sweets ganz vorsichtig Claudias Hand. Vielleicht wurden seine Ohren doch noch wieder warm.

Claudia versorgte Sweets erst einmal mit der nächsten Gabe an Medikamenten, Fencheltee und Massage. Sweets genoss die Massage - obwohl sein Bäuchlein immer noch weh tat. Aber - wenn er so ganz genau nachdachte - vielleicht tat es ja schon ein ganz klein wenig weniger weh?

Sweets war richtig gerührt von der Fürsorge, mit der sich Claudia und Kai um ihn kümmerten. Irgendwann am Nachmittag, bei Kai auf der Couch, hatte er es auch geschafft, die Ohren von den Augen wegzuklappen. Die Augen blieben zwar noch zu, die taten ihm einfach zu weh - aber die Ohren waren jetzt meistens doch ein wenig weggeklappt. Er hatte gemerkt, wie Kai sich darüber freute und ihn gleich noch ein bißchen mehr streichelte - und das hatte er genossen. Ob Claudia das auch gleich machen würde?

Natürlich streichelte Claudia ihn genauso, wie Kai das getan hatte. Sie streichelte ihm über das Köpfchen, die Stirn, die Ohren und das Fellchen. Schön war das! Sweets staunte. Und er leckte Claudias Hand. So saßen sie irgendwann beide wieder auf der Couch - und Sweets war nicht mehr allein.

Nie wieder sollte sie weggehen.

Als Sweets das nächste Mal wach wurde, saß Claudia noch bei ihm. Aber etwas war anders. Sweets überlegte. Sah Claudia an. Sein Bauch tat nicht mehr so weh. Es war nur unwesentlich - aber es war besser!

Sweets hob sein Köpfchen. Claudia sprach mit ihm, redete beruhigend auf ihn ein. Das tat gut.

Claudia sprach mit Sweets - und sie hoffte soooo sehr, dass Sweets sich erholen würde. Inzwischen versorgten sie das kleine Kaninchen schon einige Stunden, viele Stunden - inzwischen mussten die Medikamente gegen die Aufgasung helfen, sollte Sweets es schaffen. Aber auch wenn es ihm jetzt ein ganz kleines bißchen besser ging - die Gefahr war noch nicht vorüber. Das wusste Claudia gut.

Sie versuchte, Sweets ein wenig zum Hoppeln zu animieren. Sweets wollte aber nicht hoppeln. Claudia setzte ihn auf den Boden - da saß er nun und bewegte sich kein Stückchen, sah Claudia nur an. Dann ging sie kurz in den Flur und kam zurück - und legte etwas Weiches, großes vor ihn: Eine Kuschelröhre! Eine schöne Fleeceröhre in grün, wie eine Wiese sah das aus, mit großen weißen Punkten.

*      *      *      *      *

16. Dezember


Sweets wunderte sich, warum er auf den kalten Boden gesetzt wurde und warum er nun hoppeln sollte.

Er wollte nicht hoppeln - er wollte Claudias oder Kais Nähe genießen. Aber als Claudia mit der Kuschelröhre ankam, da staunte er doch! Kaninchen sind ja sehr neugierige Tiere - und so war auch Sweets neugierig, was da vor ihn hingelegt wurde.

Langsam schlich er um die Kuschelröhre herum - ganz langsam zunächst. Weich war sie - und sie sah gemütlich aus! Sweets guckte an der einen Seite hinein - schlich dann neugierig herum ans andere Ende und guckte auf der anderen Seite hinein - steckte erst das Näschen herein - und dann klappte er die Ohren weg. Hier wirkte nichts gefährlich.

Claudia beobachtete Sweets ganz erfreut. Ein bißchen hoppelte er ja doch! Das war ein gutes Zeichen.

Sweets war so neugierig, dass er sich schließlich ganz in die Röhre hineintraute. Zuerst nur ganz vorsichtig an einer Seite, ein ganz kleines bißchen - aber es passierte nichts. Dann schlich er vorsichtig ganz hindurch. Die Ohren schlappten auf dem weichen Stoff, so lang waren sie.

Gemütlich war die Röhre! Und überhaupt nicht gefährlich. Sweets hoppelte langsam bis an den Ausgang - und legte sich dann kurz vor dem Ausgang noch innen hin. Hier wollte er bleiben. Hier war es gemütlich. Und seine Ohren waren auch schon wieder ein ganz kleines bißchen wärmer.

Claudia freute sich sehr, dass Sweets die Kuschelröhre ganz offensichtlich so gut gefiel. Hier konnte er erst einmal weiterschlafen! Inzwischen war es Nacht - auch sie musste allmählich schlafen.

Aber nicht lange - denn auch in der Nacht brauchte Sweets seine Medikamente. Und Claudia war auch viel zu unruhig und besorgt, als dass sie lange würde schlafen können. Aber erst einmal hatte Sweets mit der Kuschelröhre etwas Schönes erlebt.

Auch Sweets war ganz gerührt. Claudia hatte ihm eine Freude machen wollen! Ganz genau hatte er das gespürt. Vorhin lag die Röhre schließlich noch nicht da - also war sie ganz alleine für ihn! Noch nie hatte Sweets irgendetwas geschenkt bekommen, noch nie hatte jemand nur an ihn gedacht, um ihm eine Freude zu machen. Sweets war ganz irritiert - und dann ganz gerührt. Und mit diesem Gedanken schlief er ein. Menschen wie Claudia und Kai waren doch nicht schlecht.

Claudia schlief schlecht. Längst noch nicht war Sweets über den Berg. Immer noch war sein Gesundheitszustand absolut kritisch. Aber einen kleinen Hoffnungsfunken hatte sie jetzt - nachdem sie gesehen hatte, wie Sweets durch die Kuschelröhre geschlichen ist und wie ihm die weiche Röhre ganz offensichtlich gefallen hat. Ein schönes Gefühl war das - auch für Claudia.

Nein - eigentlich hatte sie jetzt einen großen Hoffnungsfunken, dass Sweets überleben könnte. Sie wollte einfach ganz fest daran glauben.

Es war zu niedlich gewesen, wie das kleine Kaninchen zufrieden in der Kuschelröhre geschlafen hatte. Als Claudia selbst schlafen wollte, hatte sie den Kleinen aus der Kuschelröhre hochgenommen, in sein Gehege getragen und ihn in das weiche Stroh gelegt - alleine konnte er nicht außerhalb seines Geheges bleiben. Sweets ist kaum dabei wach geworden - und er wirkte wesentlich ruhiger als noch am Nachmittag.

Drei Stunden, nachdem sie sich schlafen gelegt hatte, klingelte Claudias Handy - Sweets brauchte die nächsten Medikamente. Sie stand müde auf und ging ins Wohnzimmer.

Schon in der Tür sah sie es: Das Aufstehen hatte sich gelohnt. Sweets lag in seinem Stroh, ganz gemütlich und in einer ganz entspannten Haltung, und sah sie ein ganz kleines bisschen an. Claudia lief zu ihm und streichelte über sein Köpfchen. Sweets leckte ihre Hand.

"Komm kleiner Sweets, ich gebe dir schnell noch die nächsten Medikamente, dann kannst du gleich weiterschlafen", sagte sie leise zu ihm - und Sweets ließ sich hochnehmen. Ganz nebenbei fiel ihm auf, dass sein Bauch nun schon gar nicht mehr so wehtat - und ihm war auch nicht mehr so schlecht !

Auch wenn es mitten in der Nacht war - Sweets ließ sich wesentlich leichter seine Medikamente geben als noch am Nachmittag, und er war auch längst nicht mehr so schwach. "Ganz toll, kleiner Schatz", sagte Claudia zu ihm - und Sweets verstand an ihrer Stimme, dass es etwas Freundliches war, was sie zu ihm sagte.

Ganz schnell fraß er alle Medikamente und merkte, dass Claudia sich freute. Er fand es toll, wenn Claudia sich freute! Wieder strich sie über sein Köpfchen, und vorsichtig trug sie ihn in sein Gehege zurück.

Müde konnte sie dann selbst wieder schlafen. Bis in drei Stunden wieder das Handy klingelte für die nächsten Medikamente.

Der Hoffnungsfunken, dass Sweets überlebte, wurde aber größer - und dafür lohnte es sich, auch nachts alle drei Stunden aufzustehen! Sweets musste es einfach schaffen!

Noch einmal stand Claudia in dieser Nacht auf - dann kam der nächste Morgen.

*      *      *      *      *

17. Dezember


Draußen vor dem Fenster hatte sich eine dicke, weiße Schneeschicht gebildet.

Claudia dachte entsetzt, wie gut es war, dass Thomas das kleine Kaninchen gestern gefunden und mitgenommen hatte - heute schon hätte es keine Chance mehr gehabt. Was für ein Zufall manchmal dabei ist - ob ein Tier überleben kann oder nicht.

Für Sweets hatte es einen glücklichen Zufall gegeben. Eigentlich war er ein Weihnachts-Glückskaninchen. Claudia musste lächeln.

Das Weihnachts-Glückskaninchen schlief noch, als Claudia in sein Zimmer kam - aber Sweets klappte die Ohren ein wenig weg und hob das Köpfchen ein bisschen, als er Claudia hörte. Und noch etwas hatte sich geändert: Sweets wirkte wach und aufmerksam. Nicht mehr so krank wie gestern!

Claudia war ganz gerührt. Schnell lief sie zum ihm, hob ihn aus seinem Stroh - und fand lauter Kaninchen-Häufchen in der Strohkiste von Sweets. Selten hatte sie sich so gefreut über eine nicht mehr saubere Kiste! Sweets sah sie durch die halbgeöffneten Augen an und leckte ihre Hand. Sooo viel munterer war das kleine Kaninchen heute morgen!

Claudia war ganz glücklich. "Ja Sweets", sagte sie leise, "du schaffst das. Das schaffen wir beide ganz sicher!" Sie drückte ihn an sich und kuschelte ihn - und Sweets leckte weiter ihre Hand. Es war so schön, warme Menschenhände zu spüren, die einem halfen - und denen man ein bißchen vertrauen konnte.

Dasselbe dachte auch Claudia.

Als sie ihm seine Medikamente gegeben hatte, setzte sie Sweets wieder ins Wohnzimmer auf den Boden und zu der weichen Kuschelröhre. Sweets freute sich - und schon sehr viel munterer als gestern, hoppelte das kleine Kaninchen ein paar Schritte. Hach - war das schön! Er konnte sich wieder bewegen - viel besser als gestern! Und seine wunden Pfötchen taten auch schon längst nicht mehr so weh.

Das war ein völlig neues Gefühl für Sweets! So ganz wagte er ja sein anfängliches Misstrauen noch nicht aufzugeben - dafür war es auch noch viel zu früh. Aber langsam fing er doch an, Claudia zu vertrauen. Ein Mensch, der so viel für ihn tat und so rücksichtsvoll mit ihm war - der konnte nicht schlecht sein.

Claudia war kaum im Wohnzimmer, als das Telefon klingelte. Ihre Vereinskollegin Anja rief wieder an, die sie gestern schon über den möglichen Animal-Hoarding-Fall informiert hatte.

„Claudia, uns hat das Veterinäramt aus dem Kreis angerufen, in dem du gestern das kleine Kaninchen abgeholt hast. Dort gibt es einen Animal-Hoarding-Fall mit extrem vielen Kaninchen und Meerschweinchen – sie schätzen ungefähr 300 Tiere – und sie fragen, ob wir bei der Räumung und Verteilung der Tiere unterstützen können. Ich würde das gerne im Verein gemeinsam überlegen, wer eventuell da mithelfen kann? Und kannst du vielleicht vor Ort unterstützen?"

Claudia hatte es befürchtet. Einen Notfall von der Größenordnung konnte man nicht einfach so abwickeln … - sie hatte schon vor einigen Jahren mit dem Kaninchenschutz e.V. einen Fall betreut, mit ähnlich vielen Tieren, vermutlich von derselben Halterin. Furchtbar war das – von den Zuständen, die sie vor Ort vorgefunden hatte, bis hin zur Abwicklung, bis 300 Tiere untergebracht waren. Ihr taten die vielen Tiere so leid – immer wieder hörten sie und ihre Vereinskolleginnen von solchen Notfällen. Wie war es möglich, dass jemand 300 Kaninchen halten konnte? Hier war doch überhaupt keine Versorgung der Tiere mehr möglich!

Das zuständige Veterinäramt kümmerte sich bereits um den Fall und bereitete im Hintergrund die Räumung vor. Oft kam es vor, dass Veterinärämter um Unterstützung fragten – vor allem für die Aufnahme der kranken und verletzten Tiere, die eine durchgängige Versorgung rund um die Uhr benötigten. Der Kaninchenschutz hatte private Pflegestellen, die diese Versorgung leisten konnten und sich Tag und Nacht um die medizinische Versorgung und das Aufpäppeln dieser Tiere kümmerten.

Während Claudia noch darüber nachdachte und überlegte, wie sie so kurz vor Weihnachten einen Notfall in dieser Größenordnung unterstützen könnten, klingelte ihr Telefon erneut. Diesmal war Thomas dran – der Mann, der das kleine Kaninchen gefunden hatte. Er war ganz aufgeregt und erzählte: „Claudia, ich hab heute in meiner Arbeit von dem Kaninchenfund berichtet. Und weißt du, was mir eine Kollegin da erzählte? Sie hat eine Bekannte, die Kaninchen züchtet und dann verkauft – die aber durch einen ähnlichen Animal-Hoarding-Fall vor drei Jahren bereits keine Tiere mehr halten darf. Damals gab es bereits eine Räumungsaktion – ihr wart damals mit eurem Verein auch dabei. Die Halterin hat dann ein Tierhalteverbot bekommen – sich aber nicht daran gehalten und neue Tiere angeschafft. Inzwischen sind da wohl wieder fast 300 Kaninchen!! Weißt du, was ich vermute? Ist es vielleicht möglich, dass unser kleines Kaninchen aus dieser Haltung kommen könnte? So zerzaust, wie das kleine Tier aussah …“

Claudia erzählte Thomas, was sie eben auch von ihrer Kollegin Anja gehört hatte. „Ja, das kann sein!“, meinte auch Thomas, „das würde passen! Da muss man doch aber was tun können – wie geht es denn nun weiter? Werden die anderen Tiere da weggeholt?“

Das auf jeden Fall, das versicherte Claudia. Auf jeden Fall mussten die Tiere da herausgeholt werden!

*      *      *      *      *

18. Dezember


Aber erst einmal musste Sweets versorgt werden – was heute hieß, dass er vor allen Dingen wieder anfangen musste, selbstständig zu fressen.

Claudia legte ihm lauter schöne Sachen vor seine Nase: Petersilie, Dill, Cranberries, Apfel, Möhre und Möhrengrün. Sweets staunte. Das kannte er ja alles gar nicht! Aber es duftete so gut – vor allem die Petersilie und der Dill!

Sweets überlegte, das Grün mal zu probieren – angefangen bei der Petersilie. Sein Bauch tat auch schon fast überhaupt nicht mehr weh – und schlecht war ihm auch nicht mehr so. Einen Versuch war es daher wert!

Ganz langsam näherte er sein Näschen dem großen Petersilienbund – so ganz geheuer war ihm das ja noch nicht. Aber es duftete so toll!

Sweets brauchte nur zu kosten – und war sofort auf den Geschmack gekommen. Petersilie war toll! Auch der Dill und das Möhrengrün waren super lecker. Sweets probierte nach und nach von allem – und staunte. Eine so große Auswahl und frisches Futter – das hatte er früher nie bekommen!

Claudia staunte genauso und konnte sich an dem kleinen Kaninchen gar nicht satt sehen. Sweets fraß selbstständig! Das war ein so schöner Erfolg – fast nicht zu glauben. So sollte das sein! Der Hoffnungsfunken wurde immer größer – vielleicht würde Sweets es schaffen – es sah ja ganz danach aus!

Für alle Fälle hatte Claudia heute noch mal einen Termin mit Sweets bei ihrer Tierärztin, die sich den kleinen Sweets ansehen wollte. Aber erst einmal durfte er sich satt fressen – und ein bisschen ausruhen und schlafen durfte er danach auch noch.

Sweets fraß in Ruhe Möhrengrün, Dill und Petersilie – von allem ausreichende Mengen – und war dann völlig erschöpft. „Schlaf am besten noch mal, kleiner Sweets“, sagte Claudia. Aber Sweets verstand ihre Worte nicht. Beruhigend waren sie aber. Also legte er sich hin und schlief fast sofort ein.

Und er träumte – Claudia sah das immer, wenn sich sein Köpfchen plötzlich so ruckartig bewegte. ‚Was er wohl träumen mag?‘, dachte sie noch.

Die Zeit, in der Sweets noch ein wenig schlafen konnte, nutzte Claudia und guckte noch einmal ins Forum des Kaninchenschutz. Die Notfallorganisation für den Animal-Hoarding-Notfall musste vorbereitet werden. Anja hatte schon die wichtigen Informationen ins Vereinsforum eingestellt, so dass sie möglichst viele Vereinsmitglieder lesen konnten und informiert waren.

Diese Organisation im Verein funktionierte richtig gut: Erfuhr jemand von einem Notfall, stellte er die Daten ins Vereinsforum ein, so dass sie alle auf einen Blick sahen. Da der Kaninchenschutz deutschlandweit arbeitet, können so regional große Bereiche abgedeckt werden. Und auch diesmal hatten sofort zwei Mitglieder geantwortet, sie könnten helfen – sowohl vor Ort als auch mit Plätzen zur vorübergehenden Aufnahme von Tieren!

Andere aktive Mitglieder, die selbst zu weit weg wohnten und selbst nicht helfen oder Tiere aufnehmen konnten, telefonierten bereits mit Tierheimen in der Umgebung nach freien Plätzen für Notfalltiere. Schwierig bei solchen Notfällen ist immer, dass niemand die genaue Anzahl der aufzunehmenden Tiere kennt und auch niemand weiß, wie viele Tiere davon krank, verletzt oder trächtig sind oder sogar Jungtiere haben. So werden in den Tierheimen meist zunächst erst einmal pauschal mögliche Plätze mit der Angabe der Anzahl für männliche, weibliche, trächtige oder kranke Tiere abgefragt. Viele Tierheime können oder möchten keine kranken Tiere aufnehmen – sie können oft am Wochenende oder nachts deren Versorgung gar nicht durchgängig übernehmen und müssen natürlich auch die Quarantäne dieser Tiere zu ihren eigenen Tieren einhalten. Auch das mussten die Mitglieder im Kaninchenschutz wissen, bevor sie einen solchen Notfall unterstützten.

Anja hatte bereits angefangen, die gemeldeten Daten in Listen zu erfassen. Alle kontaktierten Tierheime wurden eingetragen, jeweils auch das Mitglied, das sich um den Kontakt zum jeweiligen Tierheim kümmerte, und vor allem die Anzahl der Tiere, die aufgenommen werden konnten.

*      *      *      *      *

19. Dezember


Der Notfall stand noch nicht einmal ein paar Stunden im Vereinsforum – da gab es schon Rückmeldungen für über 40 Pflegeplätze, vor allem auch für die schwerkranken Kaninchen und auch für Meerschweinchen!

Claudia war immer wieder begeistert, wie reibungslos, schnell und kollegial die Zusammenarbeit im Verein bei solchen Notfällen funktionierte. Es hatten sich bereits die ersten Mitglieder mit Angeboten für Transportfahrten gemeldet – auch das wurde benötigt. Wer hatte ein Auto oder Transportfahrzeug in welcher Größenordnung zur Verfügung? Haben Tierheime auch spätabends geöffnet, um ihre Tiere in Empfang zu nehmen?

Claudia wusste, dass das Veterinäramt mehr als dankbar für die Hilfe ihres Vereins war. Gute Erfahrungen hatten beide gemacht – das Amt mit dem Verein und der Kaninchenschutz mit dem Veterinäramt. Dennoch war es Claudia unbegreiflich, wie unvernünftig Tierhalter sein konnten! Innerhalb von drei Jahren nach bereits einem solchen Animal-Hoarding-Fall mit einer aufwendigen Befreiungsaktion für die Tiere hielt nun dieselbe Tierbesitzerin wieder eine so hohe Anzahl Kaninchen und Meerschweinchen – und das trotz ausgesprochenem Tierhalteverbot. So was war unfassbar.

Es war vor allem das Leid der Tiere, das Claudia bewegte – und mit ihr auch die vielen Mitglieder im Kaninchenschutz. Sie alle, die sofort und engagiert halfen, dachten an das Leid der vielen Tiere, das sie aus solchen Notfällen kannten. In unvorstellbaren Bedingungen, Dreck, Dunkelheit, Enge mussten diese Tiere leben. Leben konnte man das eigentlich kaum nennen. Futter war meist nicht ausreichend vorhanden – und durch die große Tieranzahl vermehrten sich die Tiere häufig mit entsprechenden Komplikationen: Jungtiere waren oft nicht lebensfähig, Inzuchttiere, die es schafften, vererbten weitere genetische Defekte. Abgebissene Ohren, offene Hautverletzungen und ähnliche Wunden durch zu viele Tiere auf einer viel zu kleinen Fläche waren fast nicht zu vermeiden.

Claudia sah den schlafenden Sweets an. Warum gab es so viel Tierleid? In den Tierheimen sitzen so viele Kaninchen, die auf ein schönes Zuhause warten. Warum wurden so viele Tiere weiter gezüchtet und dann lieblos verkauft? Ohne zu wissen, wohin sie vermittelt wurden und welche Zukunft sie erwartete? Nein, das konnte man nicht verstehen. Claudia war Tierschützer – und mit einem verantwortungsvollen Umgang mit Lebewesen hatte solche Haltung nichts, aber auch gar nichts zu tun!

Warum mussten die Tiere dabei so leiden? Es gab keine Antwort auf diese Frage. Es würde sie nie geben – aber immer wieder würden auch in der Zukunft die Mitglieder des Tierschutzes mit solchen Fällen konfrontiert werden. Nur eine konsequente Aufklärungsarbeit konnte hier helfen – Besitzer zu beraten, was Kaninchen wirklich brauchten, welche Lebensbedingungen für sie notwendig waren, um ihnen ein schönes Leben zu ermöglichen – und die Unterstützung bei der verantwortungsvollen Vermittlung von Tieren, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr in ihrem Zuhause bleiben konnten. Wenn es hier gelang, den Tierhaltern oder Interessenten ein bisschen mehr Bewusstsein für die Bedürfnisse der Tiere zu vermitteln – dann konnte das Tierleid langsam verringert werden.

Und das war das größte Ziel des Kaninchenschutz e.V. Mit viel Fachwissen, Kompetenz in ganz verschiedenen Bereichen, und viel Engagement setzen sich die Mitglieder des Vereins für die Wissensvermittlung an Tierbesitzer und Interessenten ein. Sie beraten auf Messen und Informationsständen von Tierheimen, unterstützen Besitzer vor Ort, geben Tipps zu Vergesellschaftungen, zur Fütterung oder auch zum Umgang mit Krankheiten. Sagen immer und immer wieder, wenn ein Tier krank ist, muss es möglichst umgehend zum Tierarzt gebracht werden. Sie stehen mit Rat und Geduld im Vereinsforum für alle Fragen der Tierbesitzer zur Verfügung – rund um die Uhr, oft auch nachts. Sie geben Mut in schwierigen Fällen, sie hoffen und bangen bei kritischen Erkrankungen mit den Besitzern und sie leiden bei traurigen Nachrichten über den Tod von Tieren, die sie betreut haben, mit.

Das alles ist nicht immer einfach zu verarbeiten, das wusste auch Claudia. Aber es ist ein unglaublich gutes Gefühl, einem Tier und einem Besitzer wirklich helfen zu können. Dann zu sehen, wie ein Tier aufblüht, wie es ihm besser geht – und wie dankbar Besitzer sind, wenn eine schwierige Situation bewältigt wurde – ob das eine Erkrankung oder eine charakterliche Eigenart eines Tieres ist.

Ja, dachte Claudia, dieses Gemeinschaftsgefühl im Verein und im Vereinsforum – das ist ein wunderschöner Teil unserer Arbeit.

Sie sah Sweets an und sah es bestätigt: Ja, die Arbeit und der Einsatz für verlassene Tiere wie ihn – das war ein Teil der Tätigkeit der Mitglieder des Kaninchenschutz e.V. - ein ganz, ganz wichtiger.

Sie ging zu Sweets und strich ihm über sein Köpfchen. Sweets legte sein Köpfchen in ihre Hand. Kurz guckte er sie aus halbgeöffneten Augen an – dann schloss er die Augen schnell wieder. Bis sie wirklich verheilt sein würden, würde es noch lange dauern. Aber Claudia war geduldig. Sweets schlief entspannt und gemütlich weiter. Aber einmal leckte er noch über Claudias Hand, bevor er wieder einschlief.

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20. Dezember


Die Räumungsaktion wurde mit absoluter Priorität vorbereitet.

In zwei Tagen würde Weihnachten sein – es war eine riesige Herausforderung für alle Beteiligten. Dennoch duldeten die Verhältnisse, die das Veterinäramt über die Haltung der Tiere erfahren hatte, keinen Aufschub.

Und so wurden in einer überaus kurzfristigen Aktion, direkt am Tag des Bekanntwerdens dieses Notfalls, alle Mitarbeiter im Veterinäramt mit einbezogen. Derart schwere Fälle von Tierleid ließen keine sorgfältige Planung zu – hier war Gefahr in Verzug, unmittelbar für das Leben der Tiere. Schnell waren das Tierheim und die Polizei informiert – und nur zwei Stunden später fuhr ein Trupp Fahrzeuge mit Polizeibegleitung zum gemeldeten Gehöft der Tierhalterin.

Claudia erfuhr dies alles erst später, sie selbst war bei der Räumungsaktion vor Ort nicht dabei. Was die Mitarbeiter des Tierheimes und des Veterinäramts da vor Ort sahen, das ließ niemanden kalt. Auch die erfahrenen Tierärzte, die solche Fälle gewohnt waren, waren über das Ausmaß dieses Falles schockiert. In wirklich katastrophalen Verhältnissen lebten da Kaninchen und Meerschweinchen – Hunderte Tiere in verdreckten, vermatschten Gehegen, die man eigentlich gar nicht Gehege nennen konnte, im Dunkeln, verlassen und sich selbst überlassen. Die Tiere, die die Mitarbeiter sahen, waren fast ausnahmslos verletzt: mit offenen Wunden, entzündeten Augen, kahlen und verdreckten Stellen im Fell, abgebissenen Ohren und vielen Bisswunden. Viele Tiere hatten schiefe Köpfchen und niesten, alle waren viel zu dünn. Manche Tiere hatten so verkrustete Näschen, dass sie kaum Luft bekamen. In dem unerträglichen Gestank im Gehöft war Luft bekommen ohnehin fast unmöglich. Es gab so viele Mütter mit jungen Würfen – Welpen, die kaum lebensfähig waren. Aber das Schlimmste, was sie Mitarbeiter sahen, waren die toten Tiere. Leblos liegengelassen, in Säcken oder Mülltonnen entsorgt.

Dieser Anblick war auch für die Mitarbeiter der Behörden nicht leicht zu verkraften. Wie gut, dass sie endlich von diesen Zuständen erfahren haben und handeln konnten! Gemeinsam mit den Mitarbeitern des Tierheimes wurden sofort alle Tiere in Transportkisten und dann in die Autos gestellt und für die Fahrt ins Tierheim zusammengepackt. Sie mussten sofort hier aus diesen Verhältnissen heraus!

Jedes Tier wurde gezählt – und am Ende der Aktion, einige Stunden später, hatten die völlig erschöpften Helfer 275 Kaninchen und Meerschweinchen eingepackt und fuhren sie erst einmal in das örtliche Tierheim. Dort würden sie von Tierärzten betreut und erst einmal die nächsten Tage bleiben.

Auch Claudia war entsetzt. Sie bekam einige Stunden später, direkt nach der Räumungsaktion, den Anruf des zuständigen Mitarbeiters im Veterinäramt, der ihr alles erzählte. „Können Sie uns vor allem bei den schwerkranken Tieren unterstützen? Haben Sie Pflegestellen oder Parkstellen verfügbar?“, fragte er Claudia.

Wieder sah Claudia Sweets an. „Ja“, antwortete sie, „wir können einen Großteil vor allem der kranken Tiere übernehmen. Ich komme direkt zum Tierheim.“

Schnell informierte sie Anja – und Anja die Pflegestellen.

Claudia kümmerte sich um die Abwicklung, Anja um die Organisation im Verein. Gemeinsam hatten sie bereits jetzt zahlreiche Hilfsangebote und Pflegestellen für die kranken Kaninchen und Meerschweinchen finden können. Jetzt galt es, diese Tiere auf die verschiedenen Plätze aufzuteilen und die Fahrtransporte dafür zu organisieren.

Claudia sah aus dem Fenster und zum Himmel hoch und freute sich das erste Mal in der Vorweihnachtszeit, dass es so aussah, als ob der Schnee wieder tauen würde. Sie dachte an ihre Vereinskolleginnen, die teilweise mehrere Hundert Kilometer fahren würden, um die Tiere zu übernehmen. Und sie dachte an die Kaninchen, die zwar gerettet waren – die aber zum Teil so schwer krank waren, dass es wie bei Sweets unsicher war, ob sie überleben konnten.

Und wieder empfand sie eine riesengroße Wut auf solche Besitzer wie die Tierhalterin von heute – die ohne Verantwortungsbewusstsein und ohne Rücksicht auf Lebewesen Tiere in solchen katastrophalen Verhältnissen hielt. Auch für die Halterin war der Fall nicht beendet – doch hierum würden sich die Behörden kümmern.

Claudia sah Sweets an – aber er war gut mit allen Medikamenten versorgt, er schlief und erholte sich. Sie konnte zum Tierheim fahren.

Auf dem Weg dorthin dachte sie an ihre Vereinskollegin Anja, die sich vermutlich im selben Moment um den Kontakt zu den verschiedenen Pflegestellen kümmerte und alle über die Entwicklung informierte. Auch die Helfer, die Fahrten angeboten hatten, wurden jetzt gebraucht – es musste alles ganz schnell gehen. Claudia war froh, dass sie sich im Verein auf die zahlreiche Hilfe immer verlassen konnte – da griff ein Rädchen in das andere, jeder fand seine Aufgaben und konnte sich einbringen. Und insgesamt konnten sie sich aufeinander verlassen – was sich wieder einmal bei einer Notfallaktion wie dieser zeigte.

Und an noch etwas dachte Claudia: Wie gut war es, dass der Kleintierbereich im Tierheim gerade neu gestaltet und fertig geworden war. Jetzt gab es ausreichend Platz, so dass auch die Notfalltiere vorübergehend gut untergebracht werden konnten. Natürlich waren das keine artgerechten Tierbedingungen, das konnte es bei einem so überstürzten Notfall und mit einer solchen Anzahl an Tieren gar nicht geben. Aber es gab große Notfallgehege in einem kühlen Anbau, die in aller Eile von den Tierheimmitarbeitern für die Tiere eingestreut und mit Heu und Stroh ausgelegt wurden. Hier würden es die Tiere erst einmal trocken, sauber und behaglich haben. Zwei Tierärzte waren auch schon da und versorgten die ersten Tiere.

*      *      *      *      *

21. Dezember


Wieder stellte Claudia ihr Auto vor dem Tierheim ab.

Viel Betrieb war hier heute – noch immer waren die Mitarbeiter mit dem Transport und Auspacken der Tiere beschäftigt. Claudia sah in eine der Transportboxen und sah ein ganz ähnliches Kaninchen wie Sweets darin sitzen: Mit rot entzündeten Augen, langen Schlappohren und einem ganz apathischen Blick. Schnell musste sie den Blick abwenden – zu schlimm war das Leid der Tiere zu sehen.

Nur der Gedanke daran, dass sie es jetzt besser hatten, dass sie jetzt versorgt und in Sicherheit waren, der ließ Claudia hoffen.

Als Claudia den ihr bekannten Amtstierarzt traf, sah sie auch ihm die Erschöpfung des Tages an. „Ja“, meinte er, „es war ein wirklich anstrengender Tag. So etwas habe auch ich nur sehr selten gesehen. Zum Glück! – Aber jetzt sind die Tiere in Sicherheit. Das ist ein schönes Gefühl – gerade vor Weihnachten.“ Ja, dachte auch Claudia, gerade vor Weihnachten.

„Hoffentlich haben wir wirklich alle Tiere gefunden“, meinte der Tierarzt. „In einem der Ställe war ein relativ großes Loch, da hatte ein Kaninchen lange genagt, vielleicht hatte es Hunger – oder vielleicht wollte es auch nach draußen. Der Gestank war ja kaum auszuhalten. Es muss recht lange daran gewerkelt haben. Hoffentlich sind da nicht zu viele Kaninchen durchgekrabbelt und haben sich draußen irgendwo versteckt … - obwohl, allzu viele Versteckmöglichkeiten gab es dort gar nicht. Na, hoffen wir mal sehr, dass wir alle erwischt haben und mitnehmen konnten.“

Der Tierarzt ging mit Claudia die Liste der auf den ersten Blick schwerkranken Tiere durch. 24 Kaninchen waren es, die sofort in einer Pflegestelle untergebracht werden mussten.

Claudia hatte heute fast mit einer Standleitung mit Anja telefoniert, die im Vereinsforum die Daten zusammengetragen hatte. Ja, die Pflegeplätze hatten sie verfügbar, manche deutschlandweit. Dafür kamen die Tiere aber in wirklich sehr erfahrene Pflegestellen, die sich mit den verschiedenen Kaninchenkrankheiten gut auskannten. „Meine Kolleginnen sind bereits auf dem Weg, sie werden schnell hier sein. Viele Plätze sind hier in der Umgebung, einige auch weiter weg – aber dann sind die Tiere wirklich rund um die Uhr versorgt.“

Gemeinsam mit der Tierheimleiterin erledigten sie die notwendigen Formalitäten, und jedes Tier erhielt einen kurzen Begleitzettel. Inzwischen waren alle Kaninchen und Meerschweinchen angesehen, kurz eingeschätzt, fotografiert und katalogisiert worden. Es war wirklich ein trauriges Schicksal der Tiere.

Während Claudia im Tierheim unterwegs war, kamen zwei weitere Helfer: Jacqueline und Astrid, zwei aktive Mitglieder im Kaninchenschutz, die jeder zwei Pflegetiere aufnehmen und weitere 8 Kaninchen transportieren konnten. Beide waren sofort losgefahren, als sie von Anja von der erfolgten Räumungsaktion erfahren hatten. Neben den Tieren, die sie direkt selbst aufnehmen konnten, half hier auch schon der Fahrtweg – denn sie konnten Tiere mitnehmen, die dann unterwegs von einem anderen Mitglied übernommen wurden, um so schnell in ihre Pflegestellen zu kommen.

Alles war wirklich gut organisiert. Claudia war wieder einmal begeistert. Innerhalb von fast nur einigen Stunden hatten sie es im Verein geschafft, die notwendigen Pflegestellen zu finden. Das war wirklich eine beeindruckende Leistung. Jacqueline und Astrid nahmen die ihnen übergebenen Tiere mit – auch sie waren entsetzt und schockiert über deren Zustand.

Aber gleichzeitig überwog die Erleichterung: Jetzt waren die Tiere in Sicherheit. Und sie hatten eine gute Überlebenschance!

Die beiden hielten sich nicht lange im Tierheim auf – es wäre gut, wenn sie die Fahrt noch ein gutes Stück im Hellen schaffen würden. So übernahmen sie nur die Tiere und packten die Transportboxen schnell in ihre Autos. „Fahrt bloß vorsichtig“, sagte Claudia zu beiden. „Und ein großes Dankeschön, dass ihr sofort gekommen seid! Und – schöne Weihnachten für euch beide.“ Das wünschten Jacqueline und Astrid ihr auch – und mit einer herzlichen Umarmung verabschiedeten sie sich voneinander.

Die ersten 12 Kaninchen waren auf dem Weg, darunter zwei hochträchtige Häsinnen. Diese beiden und zwei weitere Tiere würden direkt bei Jacqueline und Astrid bleiben. Sie sahen wirklich schlimm aus – aber es gab kaum Abstufungen, alle Tiere sahen wirklich schlimm aus. Claudia hoffte sehr, sie würden die Strapazen verkraften.

Als sie mit der Tierheimleiterin alle Tiere angesehen und das weitere Vorgehen noch einmal abgesprochen hatte, machte sich auch Claudia auf den Weg. Morgen schon würde sie wieder hier sein – dann kämen noch 3 weitere Helfer, die die anderen 11 kranken Tiere holen und in ihre Pflegestellen bringen würden. Das würde aber erst morgen früh in Ruhe passieren – da der Weg zu weit und die Fahrt damit auch für die Helfer in der Winternacht zu gefährlich werden würde.

Morgen war der 23. Dezember.

Und ein Tier, das dem Tierarzt wegen seiner besonderen Schwäche aufgefallen war – das nahm Claudia mit. Sie hatte schon Sweets zu Hause, da konnte sie sich auch um ein weiteres Tier noch kümmern.

Auch Claudia fuhr am Nachmittag völlig erschöpft nach Hause zurück. Sie sah in die Transportbox, die sicher auf dem Boden ihres Autos verstaut war, und sah ein genauso verängstigtes Kaninchen, wie Sweets es war. Auch dieses Tier hatte entzündete Augen, viele Bissstellen auf dem Rücken – Claudia hoffte sehr, dass die sich nicht entzündeten und Abszesse bildeten -, außerdem humpelte es stark. Das schlimmste aber war, dass seine Zitzen voller Milch waren – der Tierarzt sagte, sie kann vor nicht allzu langer Zeit geworfen haben. Leider hatte man bei der Räumungsaktion keinen Wurf gefunden, der zu dieser Häsin zugeordnet werden konnte.

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22. Dezember


Claudia würde gleich am Nachmittag zusammen mit Sweets ihre Tierärztin aufsuchen, damit die sich nun zwei Tiere ansehen konnte, vielleicht ein Röntgenbild fertigen und vor allem mit der richtigen Behandlung beginnen konnte.

Während Claudia anstrengende Stunden im Tierheim verbracht hatte, erholte Sweets sich bei ihr zu Hause zusehends. Das kleine Kaninchen schlief noch lange am Vormittag – aber als es dann wach wurde, war es das erste Mal seit seiner Rettung aus dem Wald munter und wirklich wach. Auch wenn ihm die Augen noch wehtaten – sein gesamter Zustand war ein völlig anderer als zuvor: Er war aufmerksam, neugierig – und wirkte insgesamt sehr viel fitter. Und Hunger hatte er!

Sweets schlich vorsichtig durch sein Gehege und sah nach, ob es noch etwas von der leckeren Petersilie, dem Dill und der Möhre gab. Es war noch genügend da – Claudia hatte ihm noch eine Extraportion hingelegt, bevor sie vorhin gegangen war. Und auch Cranberries lagen noch da – Sweets freute sich. Mit inzwischen großem Appetit fraß er alles auf. Er hoffte sehr, Claudia würde nicht verärgert sein, dass alles weg war, wenn sie zurückkam.

Claudia kam wenig später zurück, stellte die welpenlose Häsin schnell im Wohnzimmer ab und sah dann sofort nach Sweets. Sie traute ihren Augen nicht, als sie das kleine Kaninchen sah: Alle Petersilie, Dill und Möhrengrün waren verputzt! Sie sah Sweets an – und Sweets sah sie aus seinen halboffenen Augen an. Sweets hatte Angst, sie würde verärgert sein. Vielleicht würde sie ihn dann wieder wegbringen, weg aus diesem schönen Zuhause.

Doch Claudia reagierte ganz anders, als Sweets erwartet hatte: Sie war so überrascht und erfreut, dass sie sofort zu Sweets hinstürzte, ihn streichelte und ihn bestätigte: „Ach Sweets, das ist soooo toll, dass du so gut gefuttert hast. So sollte das sein. Ich freue mich so, wenn dir das alles so geschmeckt hat!“ Und das tat sie wirklich – Sweets konnte es genau spüren.

Menschen reagierten doch manchmal komisch.

Claudia sah das kleine Kaninchen an – und ihr fielen wieder die Worte des Amtstierarztes ein: „In einem der Ställe war ein relativ großes Loch, da hatte ein Kaninchen lange genagt, vielleicht hatte es Hunger – oder vielleicht wollte es auch nach draußen. Es muss recht lange daran gewerkelt haben … - Na, hoffen wir mal sehr, dass wir alle erwischt haben und mitnehmen konnten.“

Nachdenklich beobachtete sie den kleinen Sweets. Er war nicht weit weg von dem alten Schuppen, aus dem die 275 Tiere befreit werden konnten, gefunden worden. Er sah den anderen in seinem Zustand sehr ähnlich: Die Wunden, die Augen, das Fell, die blutenden Pfötchen. Konnte es vielleicht sein, dass auch Sweets aus diesem Schuppen kam? Claudia schauderte. Schlimm, furchtbar war das. Dann war er eines von so vielen Kaninchen, die in diesen unzumutbaren Verhältnissen untergebracht waren. Bisher hatte sich auch kein Besitzer von Sweets bei der Polizei oder im Tierheim gemeldet. Thomas hatte wohl recht – so zerzaust und krank, wie Sweets aussah, konnte er nicht aus guten Verhältnissen kommen – und es vermisste ihn wohl wirklich niemand.

Bevor sie aber weiter nachdenken konnte, brauchte Sweets seine nächste Ration Medikamente. Sie nahm ihn vorsichtig hoch – und das fühlte sich schon sehr viel besser an. Längst war Sweets nicht mehr so schlapp und kraftlos – viel wacher war er inzwischen! Er war aber ein sehr geduldiges Kaninchen und ließ sich widerstandslos mit allen Medikamenten und auch Augentropfen versorgen, ganz geduldig.

Um Sweets abzulenken, erzählte Claudia ihm von ihren Erlebnissen heute, von den vielen Kaninchen, von der Rettungsaktion, von dem alten Schuppen, aus dem die Tiere befreit wurden, und von dem Loch, das mindestens eines der Kaninchen dort geschafft hatte zu erstellen und durch das es möglicherweise in die Freiheit gelangen hatte können.

Sweets konnte ihre Worte leider nicht verstehen. Zu gerne hätte er wirklich verstanden, was Claudia ihm da erzählte. Aber irgendetwas an ihr war seltsam … - irgendetwas roch eigenartig, aber sehr vertraut. Sweets war sehr irritiert und schnupperte ganz aufmerksam mit seinem Näschen an Claudias Arm. Natürlich hatte Claudia sofort nach ihrem Besuch im Tierheim Reinigungs- und Desinfektionsmittel benutzt – aber neben diesem für Sweets unschönen Desinfektionsmittelgeruch spürte er eindeutig noch einen anderen Geruch. Einen sehr vertrauten. Einen, dem er entkommen war und den er doch vermisste, seit er bei Thomas und Nadine und Claudia war.

Der kleine Sweets wurde ganz aufgeregt. Claudia verstand ihn gar nicht. Sie streichelte sein Köpfchen und über sein Fellchen – und Sweets beruhigte sich langsam. Claudia hatte fast den Eindruck, als sei sie Sweets jetzt schon deutlich vertrauter, als erkenne er etwas an ihr wieder.

Nachdem Sweets versorgt war, kümmerte sich Claudia erst einmal um die neue Häsin. Sie sah Sweets ziemlich ähnlich. Auch sie hatte lange Schlappohren und ein beigebraunes Fell. Aber auch sie hatte verklebte Augen und ein verkrustetes Näschen.

Claudia seufzte. Die Tierärztin würde gleich eine Menge zu tun bekommen. Sie versorgte die Häsin mit einer großen Portion Heu und packte dann Sweets in eine Transportbox, die Häsin stellte sie mit der anderen Box ebenfalls zurück ins Auto. Erst einmal würden beide zur Tierärztin müssen.

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23. Dezember


Sweets merkte, dass er wieder eingepackt und weggetragen wurde.

Wieder musste er Auto fahren. Wieder war er misstrauisch und ängstlich – und wieder klappte er die Augen zu. Sie würde ihn doch wieder wegbringen. Wieder würde er sein Zuhause verlieren. Menschen waren wohl doch schlecht. Man konnte ihnen nicht trauen.

Zum Glück war die Fahrt zur Tierärztin nicht weit und Claudia konnte bald wieder anhalten und Sweets in seiner Box herausholen. In der anderen Hand hielt sie die zweite Transportbox. Wieder konnte Sweets ganz deutlich den vertrauten Geruch wahrnehmen. Wieder wurde Sweets ganz aufgeregt!

Im Sprechzimmer der Tierärztin standen beide Transportboxen nebeneinander auf dem Tisch. Claudia wollte zuerst Sweets herausholen – doch dazu kam sie gar nicht. Sobald sie die Tür der Transportbox öffnete, krabbelte Sweets mit sicherem Gespür heraus und auf die andere Box zu. Ganz aufgeregt war der Kleine! Dasselbe geschah in der zweiten Box: Auch dort kroch die Häsin ganz nah an die Tür heran und konnte es kaum erwarten, dass Claudia die Box öffnete. Sobald sie auf war, war die Häsin auch schon draußen. Zusammen auf dem Tisch saßen zwei Tiere – Sweets legte sein Köpfchen ganz nah an das Köpfchen der Mutterhäsin. Sweets robbte noch dichter an die Häsin heran. Sweets suchte den Kontakt und wollte gekuschelt werden. Und die welpenlose Häsin leckte ruhig über Sweets Köpfchen.

Claudia guckte die Tierärztin an und die sah Claudia an: „Na, das sieht doch ganz deutlich danach aus, als kennen sich die beiden Tiere. – Die Häsin stammt aus der großen Notfallaktion, die meine Kollegen durchgeführt hatten?“ „Ja“, sagte Claudia. „Und Sweets wurde nicht weit weg von diesem Schuppen einen Tag eher im Wald gefunden.“ Wieder sahen sich Claudia und die Tierärztin an. In dem Moment war sich Claudia ganz sicher: Sweets war kein ausgesetztes Kaninchen – Sweets gehörte zu den geretteten Tieren.

Sweets war Kaninchen 276.

Die Tierärztin konnte Claudia beruhigen. Die Notfallhäsin hatte zwar schwere Verletzungen, vor allem an den Augen, wie Sweets ein völlig verkrustetes Näschen und viele Hautverletzungen und schlimme Bisswunden – aber sie hatte keine Aufgasung, keinen Knochenbruch, und das Humpeln würde schnell verschwinden. Sie brauchte zwar in den nächsten Tagen eine intensive Versorgung – aber darin war Claudia ja sehr geübt, das konnte sie gut leisten. Die Tierärztin sah für die Häsin eine recht gute Prognose – eine sehr viel bessere Prognose, als Sweets sie gehabt hatte. Sehr, sehr viel besser.

„Es ist ein Wunder, dass der kleine Sweets überlebt hat“, sagte sie nach dem neuen Röntgenbild zu Claudia. „Das vorherige Bild sah so dramatisch aus. Das haben Sie wunderbar hinbekommen – da sieht man wieder, was eine gute, durchgängige Pflege ausmachen kann. Der Kleine hat es geschafft – die Aufgasung ist weg. Jetzt müssen nur noch seine Verletzungen heilen – aber das werden sie. Mit ein bisschen Geduld wird er sich erholen.“ Sie lächelte Claudia an. „Toll haben Sie das gemacht! Ich bin sehr froh, dass es Tierschutzmitarbeiterinnen wie Sie gibt. Schön! – Und schöne Weihnachtstage wünsche ich Ihnen.“

Die wünschte Claudia der Tierärztin auch. „Ich habe Notdienst“, sagte sie, „falls etwas ist, bin ich für Sie und die beiden da. Aber bei Ihnen sind die beiden wirklich in allerbesten Händen.“ Claudia hoffte nicht, dass sie Weihnachten die Tierärztin brauchen würde – aber dennoch war es ein gutes Gefühl, das zu wissen. Jederzeit konnte sie kommen, wenn etwas war.

Wieder zu Hause, löste sich für Claudia ein Problem: Sie würde wohl nicht mehr gucken müssen, wo sie die zweite Notfallhäsin unterbrachte. Denn dass die beiden Tiere zusammengehörten, das war ganz deutlich zu sehen. Und da sie inzwischen 100%ig sicher war, dass beide aus demselben Notfall kamen, brauchte sie auch keine separate Quarantäne einzuhalten.

Sweets war die ganze Rückfahrt im Auto ganz aufgeregt gewesen. Wenn Claudia ihn doch bloß verstehen könnte! Er wollte nicht alleine in seiner Box sein – er wollte zu der neuen Häsin!

Aber Claudia verstand ihn sehr gut – auch wenn sie nicht wissen konnte, was Sweets dachte. Während der Rückfahrt hatte ihr Mann Sweets Gehege neu eingestreut – neu und frisch war es also. Sie würde es einfach probieren!

Vorsichtig holte sie zu Hause die Häsin aus ihrer Box und setzte sie in Sweets Gehege, danach holte sie Sweets heraus. Sofort hoppelte er ebenfalls in sein Gehege – zu der neuen Häsin, in Geborgenheit zu einem anderen Kaninchen.

Claudia war glücklich, Sweets so glücklich zu sehen. Noch gestern hätte sie das fast nicht für möglich gehalten.

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24. Dezember


Es war eine ruhige Nacht gewesen – Sweets ging es recht gut.

Füttern musste Claudia nicht mehr – er fraß jetzt selbst und in regelmäßigen Abständen. Sie kam gar nicht nach, so viele Kräuter und Heu in sein Gehege zu legen. Das war eine viel bessere Entwicklung, als Claudia gestern noch gedacht hatte!

Zusammen mit der Häsin kuschelte Sweets sich glücklich in sein Stroh. Es war sooo schön zu sehen, wie zufrieden die beiden Tiere wirkten! Es würde noch einige Zeit dauern, bis beide sich wirklich von ihren Strapazen, Wunden und Erkrankungen erholt hätten – aber Claudia hatte jetzt ein sehr gutes Gefühl.

Glücklich sah sie die beiden Kaninchen noch einmal an.

Viel Zeit hatte sie jedoch nicht, die beiden zu beobachten – das Telefon klingelte. Nadine rief an: „Wir wollten uns nach Sweets erkundigen“, sagte sie zu Claudia. Und Thomas ergänzte: „Wir haben viel nachgedacht – und wir wollten Dich fragen, ob Du uns bei der Einrichtung eines Kaninchengeheges helfen kannst. Uns hat das Schicksal des kleinen Kaninchens, das ich gefunden habe, nicht losgelassen. Wir haben ein Zimmer übrig – meinst Du, wir können das für zwei Kaninchen einrichten? Und könntest Du uns vielleicht auch in der ersten Zeit etwas helfen?“

Und ob Claudia das konnte – natürlich ginge das! Dass die beiden verantwortungsvoll mit Kaninchen umgehen, davon hatte sie sich ja ausreichend überzeugen können. Auch die Kinder waren vorsichtig gewesen. Ja, gerne würde sie Nadine und Thomas beraten und ihnen helfen!

Und sie brauchte ja auch ein endgültiges Zuhause für Sweets, wenn er wieder gesund war, und seit gestern auch noch für die neue Häsin. „Ja, natürlich mache ich das gern, ich freue mich sehr!“ sagte Claudia zu den beiden. „Und schöne Weihnachten auch für Euch.“ „Schöne Weihnachten auch für Dich, Claudia.“, wünschten beide.

Claudia sah Sweets an und strich ihm über sein Köpfchen. „Sweets, vielleicht bist du wirklich ein ganz besonders Glückskaninchen. Und unsere Häsin auch. Vielleicht habt ihr schon jetzt ein Traumzuhause gefunden, in das ihr in ein paar Wochen ziehen könnt. Dann, wenn ihr wieder richtig gesund seid.“

Sweets kuschelte sich an Claudia. Er war so glücklich! Er war in Sicherheit, er würde sich erholen – und er hatte ein vertrautes Kaninchen wiedergefunden. Ganz instinktiv wusste der kleine Sweets, dass jetzt alle seine Kaninchen, mit denen er früher zusammengelebt hatte, seine gesamte Kaninchenfamilie, gerettet und in Sicherheit waren. Er fühlte ein ganz großes Zugehörigkeitsgefühl. Ganz vielleicht hatte er seine Mama wiedergefunden – vielleicht war es aber auch ein anderes Kaninchen. Sweets wusste es nicht – aber es war nicht wichtig für ihn. Es war ein vertrautes Kaninchen und es kümmerte sich um ihn – das war wichtig für ihn.

Zutraulich legte Sweets sein kleines Schnäuzchen in die Hand von Claudia. Seine Ohren waren weit weggeklappt und lagen nicht mehr über seinen Augen. Sweets genoss die schönen Momente sehr, wenn Claudia ihn streichelte. Sie hatte ihn behalten und ein zweites Kaninchen besorgt. Wärme und Sicherheit strahlte sie für ihn aus - und Geborgenheit. Es war ein schönes Gefühl. Es war ein Gefühl von Weihnachten.

Es gibt Menschen wie Claudia und all die aktiven Mitglieder in Claudias Verein, denen Kaninchen nicht egal sind. Menschen, die sich um ihn gekümmert haben, ihn aufgenommen und gepflegt haben, die sich um ihn gesorgt haben. Die die anderen Kaninchen aus seinem Schuppen befreit haben. Die dafür gesorgt haben, dass sie alle nun ein Leben in Sicherheit und Geborgenheit haben können - mit genug Futter, einem Partnertier und medizinischer Versorgung. Die dafür sorgen, dass seine Kaninchenmama nie wieder einen Wurf nach dem anderen zu bekommen braucht, für deren Versorgung sie viel zu schwach ist. Die sich Tag und Nacht für kranke, verletzte oder einfach zurückgelassene Kaninchen einsetzen. Die mit einem großen Wissen Tierhalter beraten, wie sie Kaninchen zu einem besseren Leben verhelfen können.

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Viele Kaninchen werden jedes Jahr in der Obhut des Kaninchenschutz e.V. betreut - in unseren Pflegestellen, die in der Notfallversorgung von oft schwerkranken Tieren sehr erfahren sind. Und viele Tierhalter können wir mit unserer Beratungstätigkeit helfen, das Leben ihrer Tiere zu verbessern.

Die Arbeit des Kaninchenschutz e.V. ist nur durch das ehrenamtliche Engagement aller unserer Mitglieder und einer großen Zahl von Helfern im Hintergrund möglich. Wir danken allen Vereinsmitgliedern für Eure großartige Unterstützung im vergangenen Jahr! Es war ein aufregendes Jahr mit vielen Ereignissen, vielen Notfällen, vielen geretteten Tieren und unermüdlichen Einsätzen vor Ort, bei Messen und Informationsständen. Nur durch Eure Hilfe ist die Arbeit des Kaninchenschutz e.V. möglich und so erfolgreich.

Ein besonderes Dankeschön möchten wir allen Pflegestellen sagen: Wir wissen, wie viel Zeit, Kraft und Herz ihr jeden Tag in die Versorgung der aufgenommenen Pflegekaninchen legt. Viele Kaninchen leben durch Euren Einsatz jetzt glücklich in einem schönen neuen Zuhause.

Und ebenfalls ein ganz besonderes Dankeschön möchten wir den Paten unserer Kaninchenschutztiere sagen: Durch Eure bzw. Ihre Unterstützung ist uns die Versorgung der kranken und hilfsbedürftigen Kaninchen möglich. Herzlichen Dank dafür!

Aber es gab auch Kaninchen, die es nicht geschafft haben oder die in ihren Pflegestellen in diesem Jahr verstorben sind. Auch an sie möchten wir heute denken. Sie haben – manchmal das erste Mal in ihrem Leben – durch Euren Einsatz Fürsorge und eine liebevolle Betreuung kennengelernt. Sie bleiben immer in unseren Herzen.

Für jedes einzelne Tier, dem es durch Eure Hilfe jetzt besser geht, hat sich Euer Einsatz gelohnt – das ist ein wunderschönes Gefühl von

„Helfen mit Herz“.

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Frohe Weihnachten!


Wir wünschen Euch allen ein ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Start in ein glückliches Neues Jahr 2018 !


Euer Vorstand des Kaninchenschutz e.V.
Claudia, Anja, Tanja, Jacqueline und Andreas



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